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Geschiedene Geister - Die OASIS History

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Weitere Veröffentlichungen:
Supersonic
"Supersonic", Single, April 1994
Shakermaker
"Shakermaker", Single, Juni 1994
Live Forever
"Live Forever", Single, August 1994
Slide Away
"Slide Away", Single, 1995
Roll With It
"Roll With It", Single, August 1995
Morning Glory
"Morning Glory", Single (Australien), September 1995
Wonderwall
"Wonderwall", Single, Oktober 1995
Don't Look Back In Anger
"Don't Look Back In Anger", Single, Februar 1996
Champagne Supernova
"Champagne Supernova", Single, Mai 1996
...There And Then
"...There And Then", Video, 1996
Stand By Me
"Stand By Me", Single, September 1997
All Around The World
"All Around The World", Single, Januar 1998
Don't Go Away
"Don't Go Away", Single (Japan), Februar 1998
Who Feels Love
"Who Feels Love", Single, April 2000
Sunday Morning Call
"Sunday Morning Call", Single, Juli 2000
Familiar To Millions
"Familiar To Millions", DVD, 2000
Live By The Sea
"Live By The Sea", DVD, 2001
My Generation
"My Generation", Single, 2002
Stop Crying Your Heart Out
"Stop Crying Your Heart Out", Single, Juni 2002
Little By Little/She Is Love
"Little By Little/She Is Love", Single, September 2002
Songbird
"Songbird", Single, Februar 2003
Definitely Maybe: The DVD
"Definitely Maybe: The DVD", DVD, September 2004
Lyla
"Lyla", Single, Mai 2005
The Importance Of Being Idle
"The Importance Of Being Idle", Single, August 2005
Let There Be Love
"Let There Be Love", Single, November 2005

Vorwort

Ich kann verstehen, wenn sich an OASIS die Geister scheiden. Zu oft schon sind sie, womit insbesondere die Gebrüder Gallagher gemeint sind (und da wiederum häufig der jüngere Bruder und Sänger der Band, Liam), durch irgendwelche Skandale aufgefallen. Gut, das tun andere auch, doch den Briten haftet stets so ein wenig das Image der "Unsympathikusse" an. Wie in den meisten Fällen dürfte mindestens ein Körnchen Wahrheit dazu beigetragen haben, doch bleibt die Frage, ob da nicht auch vieles von außen beigefügt wurde.
Nehmen wir als Beispiel die ROLLING STONES. Irgendwann in den Anfängen ihrer Karriere pinkelten sie auf die Straße, die Bobbies nahten natürlich sofort herbei, und letztendlich war von einem durch das Management inszenierten Vorfall die Rede. Besser eine schlechte Presse als gar keine. Dass sich zensierte Alben oder skandalträchtige Musiker durchaus prächtig vermarkten lassen, ist absolut nicht Neues, und doch scheint es auch Jahrzehnte nach Entstehung der Rockmusik immer noch genügend Reporter der sogenannten "Yellow Press" zu geben, die nur darauf lauern, dass aus einem möglicherweise nur kleinen Faux Pas eine absatzfördernde Schmuddelstory entstehen kann.

Cigarettes & Alcohol

OASIS sind mir erstmals ca. Mitte 1994 begegnet. Natürlich nicht persönlich, ist klar. War's MTV oder VIVA? Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls lief in irgendeiner "Alternative"-Show der Clip zu Cigarettes & Alcohol. Zum nächstmöglichen Zeitpunkt stand das Debut-Album "Definitely Maybe" im Regal und die Story beginnt...

Die bisherigen Konzerte

Früher Sommer 1995, Some Might Say belegt in Großbritannien den ersten Platz. Auf der Fahrt zur Arbeit läuft der Song im lokalen Radio und bewegt mich dazu, nach Absitzen der Bürozeiten zum nächstmöglichen Record-Shop zu düsen. Wie so oft bei OASIS enthält die Maxi-CD sogenannte "Non-Album-Tracks" von ausgezeichneter Qualität. Das überzeugende Songmaterial bewegt mich dazu, mir schnellstens ein Ticket für ein Event am Dürener Baggersee zu kaufen.

R.E.M. geben sich die Ehre und das Volk sorgt für einen reißenden Kartenabsatz. Im Vorprogramm treten BELLY (kennt die noch einer?), THE CRANBERRIES... und die neue Sensation aus Großbritannien auf. OASIS werden teilweise bereits die neuen BEATLES genannt, doch der ältere der Gallaghers, Gitarrist/Sänger Noel, scheint mehr oder weniger allein fürs Songwriting zuständig zu sein.
BELLY kommen mit ihrem Indie-Rock freundlich herüber, die CRANBERRIES übertreffen meine Erwartungen, R.E.M. langweilen. Ein sonnendurchfluteter heißer Tag, aber keiner darf in den nahen See. Das feilgebotene Gesöff kostet schon damals viel zu viel, aber darüber sieht man (noch) großzügig hinweg, schließlich will man die neuen Rock'n'Roll-Heroes aus dem U.K. live erleben. Gut, zu dieser Zeit heißt das "Brit-Pop", aber wen interessiert schon das alberne Gezänk mit BLUR um den Thron dieser neuen Bewegung, es sei den man heißt Peggy Sue, ist dreizehn Jahre alt, trägt eine Zahnspange und geht in Liverpool zur Schule.
OASIS treten dann auch irgendwann an diesem Tage auf. Und präsentieren sich als die schlechteste Band des Tages. Liam trinkt eine Dose nach der anderen. Ich vermute mal Bier. Jedenfalls benimmt er sich so wie einer der schon einige Dosen mit Bier geleert hat. Lustlos ist noch eine gnädige Beschreibung dieser Aufführung. Noel reißt am meisten und wirkt bemüht, der Rest (Rhythmusgitarrist Paul "Bonehead" Arthurs, Bassist Paul McGuigan und Drummer... war's jetzt noch Tony McCarrolk oder bereits Alan White?) bildet die dazugehörigen Marionetten. Nicht ein einziger Song überzeugt.

Fünf Jahre später, Rock am Ring. Das Album "Standing On The Shoulders Of Giants" ist draußen, Noel Gallagher auch. Liam, Alan und drei Begleitmusikanten spielen OASIS-Lieder und - überzeugen. Zwar hab' ich an diesem Tag vermutlich mindestens so viel Bier intus wie Liam fünf Jahre zuvor am Dürener Baggersee, aber der astreine Sound und die überzeugende Performance oben auf der großen Bühne lassen mich fast schon wieder auf die Null-Promille-Grenze abstürzen und später von einem der besten Auftritte des Jahres 2000 reden.

Damit nicht genug. Einige Wochen später spielen OASIS vor rund 70.000 Zuschauern im Londoner Wembley Stadion. 21. Juli 2000, Noel G. ist wieder mit von der Partie, und man wird Teil einer bemerkenswerten Show. Teil, ganz richtig. Das Publikum sorgt für eine außergewöhnliche Atmosphäre, während die Band ihre Songs zwar perfekt aber nicht unbedingt mitreißend herunterspielt. Jeder Musiker mit einem Aktionsradius, der bequem auf einen Bierdeckel zu passen scheint, und trotzdem scheint an diesem Tag etwas ganz Besonderes statt zu finden. Später werden Kritiker den dazugehörigen Mitschnitt "Familiar To Millions" teilweise ziemlich in die Mangel nehmen. Geschmackssache, sowohl Video als auch das Doppel-Live-Album sind meiner bescheidenen Meinung nach absolut empfehlenswert.

Wieder zwei Jahre später. "Heathen Chemistry" heißt der aktuelle Longplayer, zu dem auch Liam G. einige starke Songs als Komponist beigetragen hat. Das Konzert gegen Jahresende (ich meine, es hätte die Düsseldorfer Philipshalle sein sollen...) fällt kurzfristig aus. Der als Großmaul verschrieene Sänger hat im Laufe der Tour während einer Schlägerei eine aufs Maul bekommen und muss zwecks Restaurierung der Kauleiste wieder zurück auf die Insel. Das Konzert wird verschoben, aber meine Geduld ist am Ende. Das Ticket wird zurückgegeben und die Kohle für eine andere zuverlässigere Band neu investiert.

Mittlerweile schreibt man das Jahr 2005. Ein weiteres bärenstarkes Album, "Don't Believe The Truth", landet seit Monaten ein ums andere Mal im heimischen CD-Player. Und eine OASIS-Tour ist angesagt - ist es blöde, sich noch einmal ein Ticket zu kaufen obwohl bisher immer irgendwas schief ging? Es heißt, der Verkauf liefe gut an und da das Konzert an einem Feiertag stattfindet und ich nicht schon wieder möglicherweise sinnlos einen Urlaubstag verplempern muss, wage ich einen erneuten Versuch. Es ist noch Wochen hin, also lässt sich bis dahin gut über die bisherigen Releases von OASIS referieren...

Die Alben ... und ein paar Maxis

Definitely Maybe

"Definitely Maybe" aus dem Jahre 1994 wird zuweilen als Klassiker bezeichnet. In Großbritannien bereits der erste einer langen Reihe von Megasellern der Band, wird es weltweit noch etwas länger dauern, bevor man höhere Verkaufszahlen erreicht. Das OASIS-Debut enthält einige Klassiker der Band (Supersonic, Shakermaker, Live Forever und Cigarettes & Alcohol) und überzeugt durch seine gitarrenlastigen, rauen Songs, die sowohl Rockfans als auch popigeren Tönen zugeneigte Hörer ansprechen. Die Band verschafft sich durch ihren ureigenen Sound bereits mit dem ersten Album eine Nische im großen Rockcircus.

Whatever

Die Maxi Whatever aus dem selben Jahr zeigt die Band mit Streichern arbeitend und weckt Erinnerungen an die BEATLES. Liam Gallaghers Vocals lassen sicherlich Vergleiche mit John Lennon zu, deshalb entsteht allerdings nicht sofort ein zweites All You Need Is Love. Whatever festigt den Status der Gruppe, besonders im U.K. zählt man bereits zur Liga der Superstars. Später im Jahr taucht der Song Whatever dann als Bestandteil einer Neuauflage des Debuts auf.

Some Might Say

Die Maxi Some Might Say (Frühjahr 1995) macht mich endgültig zum Fan von OASIS. Nicht falsch verstehen, natürlich hängen keine Poster an der Zimmerwand, doch der gitarrenlastige Pop-Rock der (damaligen) Brit-Pop-Band kommt in den Neunzigern ähnlich überzeugend wie dreißig Jahre zuvor die KINKS, die WHO und selbstverständlich John, Paul, George & Ringo.
Der Titelsong steht für mich bis heute gleichberechtigt neben Waterloo Sunset oder Substitute, doch nicht nur dieser schlägt wie die sprichwörtliche Bombe ein. Das Duett Acquiesce der beiden Gallaghers oder das heftige rockende Headshrinker lassen OASIS ganz in der Tradition der großen Sechziger-Bands stehen.

(What's The Story) Morning Glory?

Die kurz darauf veröffentlichte LP "(What's The Story) Morning Glory?" beschert der Band den Höhepunkt ihrer Historie. Weltweit geht das Album millionenfach über die Ladentheken und präsentiert ein Highlight nach dem anderen. Presseberichte, dass u.a. ein gewisser Lars Ulrich (METALLICA) den Briten zu vielen Konzerten hinterher reist zeigen deutlich auf, dass OASIS auch Fans im Lager härterer Klänge haben (als man 1996 "Load" hörte, hätte man allerdings auch von schlechtem Einfluss auf Hetfield & Co. reden können).
Hymnen wie Don't Look Back In Anger, Champagne Supernova oder Wonderwall gehören bis heute zum Pflichtprogramm vieler Radiostationen. Das Album darf wohl getrost als Klassiker angesehen werden.

D'You Know What I Mean?

Zwei Jahre darauf erscheint mit der Maxi D'You Know What I Mean? ein erster Vorgeschmack auf das dritte Album der britischen Superstars. Die Band wirkt auf dem Video relativ heavy und der Song wird erwartungsgemäß zu einem weiteren großen Hit. Wie üblich hat man ein paar Leckerlis als "Non-Album-Tracks" beigepackt. Das fröhliche, ein weiteres Mal an die Fab Four erinnernde Stay Young sorgt für erfreute Mienen, ebenso wie der David Bowie Klassiker Heroes. Mir persönlich gefällt die Version besser als das Original, Noel Gallagher liefert hier eine prima Gesangsleistung ab.

Be Here Now

Vom Superstar-Status zu Langeweilern - der Absturz kommt schneller als erwartet. "Be Here Now" (1997) eröffnet mit der psychedelisch-heavymäßig angehauchten ersten Single vielversprechend, aber das war's auch schon. Stand By Me kommt noch angenehm schmalzig-schön, der Rest ist als Alternative zum Einschlafen empfehlenswert, falls der Fernseher streiken sollte. Der Tiefpunkt folgt just dem Höhepunkt.

The Masterplan

Als OASIS 1998 mit "The Masterplan" "a collection of the best of the B-sides" veröffentlichen, haben sie bereits viel Kredit verspielt. Im Bandlager rumort es und man scheint versuchen zu wollen, dass es sich um einen Ausrutscher handelte. Dass auf eine Glanzleistung wie Heroes verzichtet werden kann, beweist die ganze Klasse der sogenannten B-Seiten. Wer bis dato das vermeintliche "Restmaterial" nicht kannte, sollte positivst überrascht werden. 1A-Qualität prägt einen Longplayer, der seine Gleichberechtigung neben den beiden ersten Alben verdient.

Go Let It Out

Drei Jahre nach der Katastrophe mit "Be Here Now" taucht die Maxi Go Let It Out auf. Stilistisch an das Material ihres großen Erfolgs "Morning Glory" angelehnt, kann man wieder überzeugen, während die restlichen "B-Songs" nur wenig reißen.

Standing On The Shoulder Of Giants

Als "Standing On The Shoulder Of Giants" (2000) seinen ersten Durchlauf hinter sich hat, kann Entwarnung gegeben werden. OASIS are back!
Vielleicht nicht mehr ganz so einzigartig genial, aber wieder überzeugend. Durchweg starke Songs mit einigen unerwarteten Höhepunkten wie z.B. das heftige Put Yer Money Where Yer Mouth Is. Liam Gallagher startet mit Little James erste vielversprechende Schreibversuche, die auf den folgenden Studioalben noch deutlich an Qualität gewinnen werden. Klasse auch wieder Noel bei Where Did It All Go Wrong?, wo man die Rolle des Sängers, wie des öfteren, getauscht hat.

Familiar To Millions

Im gleichen Jahr erscheint mit "Familiar To Millions" ein Live-Doppel-Album welches durchwachsene Kritiken erntet. Wahre OASIS-Maniacs dürften sich da eher kaum drum scheren, der Mitschnitt klingt angenehm rau und lässt aus einem relativ "kleinen" Song wie Gas Panic vom letzten Studiowerk "Standing On..." ein wahres Monster werden.
Die beiden Pauls (Arthurs & McGuigan) sind längst nicht mehr dabei. Mit Gem Archer (Gitarre) und Andy Bell (Bass) hat man zwei neue Leute an Bord, die nicht nur optisch besser ins Bandgefüge passen sondern zukünftig auch am Songwriting teilnehmen.

The Hindu Times

Als Vorgeschmack auf das nächste Studioalbum erscheint im Frühjahr 2002 die Maxi The Hindu Times. Typischer OASIS-Track, der jedem Fan gefallen dürfte, aber keine Neuigkeiten mit sich bringt. Die "B-Songs" fallen erstaunlicherweise recht belanglos aus.

Heathen Chemistry

Das Album "Heathen Chemistry" enthält neben der erfolgreichen Single Stop Crying Your Heart Out viele weitere Höhepunkte. Liam Gallagher tritt inzwischen als dreimaliger Komponist auf, sein Born On A Different Cloud ist für mich einer der bis heute besten OASIS-Songs überhaupt, der keine Vergleiche mit dem legendären Hey Jude (Lennon/McCartney) zu scheuen braucht.
Man gibt als Produzent "The Band" an und überhaupt lässt sich mit einem Blick auf die Credits erstmals von einem "richtigen" Band-Album reden. Gem und Andy treten nämlich ebenfalls als Autoren auf, auch wenn Noel quantitativ immer noch der Herrscher ist. Qualitativ haben die anderen allerdings längst aufgeholt, was "Heathen Chemistry" hörbar gut tut. Ganz starkes Album!

Don't Believe The Truth

Im nun hinter uns liegenden durchwachsenen Sommer erschien mit "Don't Believe The Truth" das aktuelle OASIS-Album, welches die Gruppe noch gefestigter erscheinen lässt. Liam schreibt mit Gem (Love Like a Bomb), der Letztgenannte ein weiteres Mal alleine (A Bell Will Ring), sein Kumpel Andy sorgt u.a. für das überragende Turn Up The Sun, Liam schreibt zwei weitere Tracks im Alleingang und Noel liegt unter der 50%-Hürde. Ein starkes Album von einer Gruppe die nicht nur auf dem Papier OASIS heißt sondern endlich auch eine zu sein scheint. Drummer Alan hat zwar das Weite gesucht, doch die meisten neuen Tracks werden von Zak Starkey, dem Sohn des legendären Ringo Starr, zweifelsohne ohne Qualitätsverlust eingetrommelt.

Das Konzert 2005

Stattgefunden!! Jau, endlich habe ich es geschafft. Und es war echt gut. So viel vorweg...

Allerheiligen, Feiertag in NRW. Berufsverkehr fällt quasi aus, trotzdem ist rund um die Düsseldorfer Philipshalle wieder einmal alles zugeparkt. Bei RUNRIG in irgendeiner Tiefgarage gelandet, bei DREAM THEATER superfrüh eingetrudelt und direkt vor der Halle geparkt. Dieses Mal fährt mein Bruder und der sagt er findet immer was. Tut er auch, aber es bedarf schon einiger Suche. Ich verstehe das nicht. Da wird die Halle aufgemöbelt zu einem richtigen Schmuckstück, in der Nähe gibt es einige Kneipen und Fressbuden, aber mit dem Parken artet das zu einem Problem aus. Öffentliche Verkehrsmittel sind für unsereins keine Alternative, also wieder Herumplagerei mit diesem lästigen Übel.
Gegen viertel vor acht an der Halle eingetrudelt, gibt's kein schnelles Hereinkommen. Wie in finstersten Zeiten zu Beginn der Achtziger heißt es "Schlange" stehen unter langsamen Vorankommen. Endlich drin (inne Halle), spielt die Vorgruppe schon längst und wir beschließen wegen dem "null Bock" auf den Special Guest erst einmal ein "Frankenstein" (keine Werbung bitte!) Alt zu schlürfen.
Mit dem Plastikbecher inner Hand betrachten wir mal so unsere Umgebung und stellen fest, dass man "Pi mal Daumen" zum Alterspräsidium gehört. Die meisten Anwesenden sind doch noch ziemlich jung, optisch sehr auf "OASIS-Style" getrimmt. Ich erblicke zwar auch ein MOTÖRHEAD-T-Shirt, aber THE WHO oder die BEATLES dominieren neben (natürlich) OASIS.

Als das Hallenlicht erlischt, ertönt als Intro der Mix aus Instrumental & Soundcollage Fuckin' In The Bushes, wie bereits vor Jahren auf dem Livealbum "Familiar To Millions", gefolgt von dem überragenden Opener Turn Up The Sun ihres aktuellen Album "Don't Believe The Truth".
Die Bühne ist nicht sonderlich pompös gestaltet, was zählt ist an diesem Abend die Musik. Kein großartiges Schlagzeugpodest, die vielen verschiedenen Verstärker und Boxen (Marshall, Vox, Fender) wie in einem Schaufenster platziert und der zusätzliche, dem Sound wahrhaft guttuende (und eben nicht nur bloß zukleisternde) Keyboarder (Zwillingsbruder von BLACK CROWES Frontmann Chris Robinson?) leicht versteckt weiter hinten auf der rechten Bühnenhälfte, das ist alles. Vor nahezu jedem Song werden die Gitarren getauscht, da die einzelnen Tracks doch verschiedenartiger klingen als das so mancher glauben mag.

Eigentlich ist das neue Album gar nicht das bis dato sechste Studiowerk der Briten, die Sammlung von B-Seiten ("The Masterplan") ist im Prinzip ein weiterer eigenständiger Longplayer. Acquiesce kommt zu Recht ein weiteres Mal zu livehaftigen Ehren und wird in einer bärenstarken Version auf das mächtig gut abfeiernde Publikum abgefeuert.
Im Vordergrund steht überraschenderweise das letzte Album "Don't Believe...", was sich hierzulande nicht gerade als Mega-Renner entpuppt hat. Für mich unbegreiflich, aber OASIS sind in der Gunst hinter Acts wie FRANZ FERDINAND abgerutscht. Im United Kingdom mag das anders sein, auf dem Kontinent scheinen die Gebrüder Gallagher und ihre Begleiter elf Jahre nach ihrem Debut nicht mehr so "in" zu sein wie zu Zeiten von "(What's The Story) Morning Glory?". Die scheinen sich allerdings einen Dreck darum zu scheren und geben eben nicht nur "alte Kamellen" zum Besten, sondern vertrauen auf die Stärke ihres neuen Songmaterials. Völlig zu Recht, denn die englische Nummer-Eins-Single Lyla oder die aktuelle Auskopplung The Importance Of Being Idle, mit einem hervorragendem Noel an den Lead-Vocals und vom Publikum lautstark abgefeiert, bestehen problemlos neben einem Klassiker wie Morning Glory.

Die Philipshalle ist zwar nicht bis auf den letzten Platzt gefüllt, doch beim Klassiker Cigarettes & Alcohol erreicht der Lautstärkepegel der begeistert mitgehenden Menge erstaunliche Dezibelwerte. OASIS brauchen nicht viel zu tun, ihre Songs funktionieren auch so. Unbegreiflicherweise von den meisten "erwachsenen" Rockfans ignoriert, beweisen sie an diesem Abend die ganze Klasse ihres Materials. Die Tracks erweisen sich mittlerweile als zeitlos. Dieses Konzert hätte genauso gut auch vor zehn oder zwanzig Jahren stattfinden können.
Die kleine aber feine Lichtanlage produziert angenehme dunkelgrüne oder violette Farben und kein grelles Feuerwerk und passt perfekt zum eher zurückhaltendem Stageacting der Gruppe. Das aktuelle Album weist bis auf den Drummer alle Musiker als Songschreiber aus und vermittelt in dieser Hinsicht erstmals den Eindruck einer Gruppe, live hält unübersehbar der Ältere der Gallaghers die Zügel in der Hand. Bruder Liam verschwindet im Dunkeln sobald Noel die Lead-Vocals übernimmt und der zweite Gitarrist sowie der einen riesigen Bass zupfende Tieftönermann stehen eher bescheiden weit außen am linken Bühnenrand. Wer der Drummer war? Weiß nicht, sah irgendwie nicht wie Ringos Sohnemann aus. Eigentlich ist das auch wurscht, denn wie gesagt, das Motto "Let The Music Do The Talkin'" gilt und da gibt es absolut nix zu meckern. Prima Sound auch übrigens, da kommt Liams nöhlender Gesang so richtig voll zur Geltung.
Soliert wird zum Glück nicht, eine Rakete nach der anderen produziert ein Songfeuerwerk, das ich zwar erhofft aber nicht unbedingt erwartet hatte. The Meaning Of Soul oder Guess God Thinks I'm Abel gleichberechtigt neben Perlen wie Champagne Supernova oder Don't Look Back In Anger, ich bin doch schwer beeindruckt von der Darbietung. Die Songs werden perfekt aber nicht seelenlos gespielt, der sogenannte "Groove-Faktor" ist deutlich spürbar.
Als letzter Song wird My Generation gebracht und den WHO Tribut gezollt. Da wird aber nicht nur einfach ein Klassiker runtergerotzt, man feiert bei eingeschaltetem Hallenlicht mit dem Publikum eine große Party.
Liam mag zwar zuweilen ein Kotzbrocken sein (sofern man den Medien Glauben schenken sollte), an diesem Abend scheint er gute Laune zu haben und verschenkt u.a. auch ein Tamburin. Ist halt kein großer Smalltalker, der Mann. Seine Brille sieht zwar ein bisschen albern aus, und man muss auch nicht unbedingt seine Liebe zu Manchester City so groß zeigen, aber was soll's, letztendlich sind wir alle nur Menschen mit kleinen Macken. An diesem Abend liefern er, sein großer Bruder und ihre Bandkollegen ein tolles Konzert ab und ich weiß eins... da fahr ich wieder hin. Und ich glaub, mein kleiner Bruder auch. Aber bitte nicht erst wieder in elf Jahren!

Nachwort

Erinnerungen. Juli 2002, ein Spaziergang durch die mittelalterlichen Gassen der toskanischen Stadt Siena. Schröder und Fischer pflegen dort zu urlauben, doch wer in dieser wunderschönen und traditionsbeladenen Umgebung nur italienische Popmusik zu hören erwartet, sieht sich getäuscht. IRON MAIDEN und METALLICA dröhnen durch die Rollladen der dunklen Fensteröffnungen, und ich stoße an der nächsten Gassenecke auf das Tourplakat einer Band, die zwar längst abgeschrieben wurde und dennoch wie ein Stehaufmännchen immer wieder mit starken Alben überrascht: OASIS!

Jürgen Ruland, (Artikelliste), 01.12.2005

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