HoR Logo kl CD-Review:

Calvin Russell

Unrepentant

Logo Home-of-Rock

Unrepentant
Unrepentant, XIII Bis Records, 2008
Calvin Russell Vocals & Guitars
John Gardner Drums & Percussions
Jon Blondell Bass & Trombone
Brian Standefer Cello
Mike Thompson Keyboards
Gabriel Rhodes Guitar
John Mills Saxophone
L.Z. Love Backing Vocals
Produziert von: Gabe Rhodes & Calvin Russell Länge: 41 Min 07 Sek Medium: CD
1. Are You Ready6. Why I Love Her
2. Free In Freedom7. The More I Know
3. Don't Want To Go To Heaven8. Me And You
4. Midnite Man9. Different People
5. When You Smile10. Petit Gars

Calvin Russell erlebte mit "Sam" sein künstlerisches Waterloo, danach hat er sich mit "Rebel Radio" mühsam aus einer weiteren seiner vielen Lebenskrisen gehangelt und landete 2005 einen verblüffend rockigen Coup mit der CD "In Spite Of It All". Der damals schreibende Kollege benutzte das Wort "Spätwerk" - zu Recht, denn dieses Spätwerk setzt sich auf "Unrepentant" erfreulich druckvoll fort.

Seinen Deal mit der deutschen SPV ist Russell los, er ist jetzt wieder "Exil-Franzose", wo er seine ersten europäischen Erfolge hatte, und nun beim kleinen, abwechslungsreichen und hoffentlich fähigen Label "XIII Bis Records" untergekommen.
Eines wird Calvin Russell trotz nunmehr zweier aufeinander folgender "Mainstream"-Produktionen nicht mehr erreichen: Massenkompatibilität. Aber danach hat er ohnehin nie gestrebt, er war und bleibt ein Outlaw, ein polarisierender Asozialer (wie auch immer sich ein guter christdemokratischer Bürger ein asoziales Subjekt vorstellt), der nach seiner späten Berufung mit gut 40 Jahren endlich seinen Weg gefunden hat. Mag man ihm nun ankreiden, dass sein "Spätwerk" ohrenfreundlich und in gewisser Weise fast versöhnlich daherkommt? Darf nicht auch das Narbengesicht When you smile und Why I love her singen?

Hört man "Unrepentant", drängt sich immer wieder ein Vergleich auf: Nachnamensvetter Leon Russell zu Zeiten von "Leon Live" aus dem Jahr 1972. Das wiederum impliziert Namen und Begriffe wie Joe Cocker, "Mad Dogs And Englishmen", George Harrison und Eric Clapton. Tja, und genau diese Einflüsse machen "Unrepentant" zur bisher anhörbarsten und durchgehend gelungensten Platte dieses Querkopfs Calvin Russell. Jedenfalls für Freunde straighterer Roots-Klänge. Für die Bewunderer des ehemaligen (?) Blues-Bukowski mit Hang zum finalen Exzess könnte die CD allerdings ein wenig zu glatt ausfallen.
Das geht mit Are You Ready zum Einstieg bereits los. Geschmack- und druckvolles Sax, Russell spielt eine spartanische aber punktgenaue Rock & Roll Gitarre, dahinter sägt Co-Produzent Gabriel Rhodes den Rhythmuspart und Piano und Orgel pumpen tatsächlich wie weiland Leon. Hoppla.
Soul, Rhythm & Blues, Swamp-Boogie steht auch im zweiten Gang auf der Karte. Diesmal mit der betörenden Stimme einer gewissen Mrs. Love und einem Groove, der an Blues Power in der Version von Richard T. Bear heranreicht. Genau wie bei dem lange vergessenen Koloss Bear steht auch hier die Gitarre erst an dritter Stelle, zuerst kommt Gesang und Klavier, dann die zweckdienliche Saitenarbeit, und in diesem Fall gibt es sogar noch ein Cello zu Beginn. Stillstand sieht anders aus, auch wenn sich Russell natürlich uralter Mechanismen bedient. Von dieser Free In Freedom Blues-Power könnte man deutlich mehr als nur fünf Minuten vertragen.
Noch ein Schieber folgt mit Don't Want To Go To Heaven. Wenn Russell auch live so wenig zu Schnappatmung neigt wie auf "Unrepentant", sind ihm ein paar völlig aus dem Ruder gelaufene Auftritte von früher gerne verziehen. Hier gibt es simpel und trocken rockenden Blues-Boogie zu einem mehr als verständlichen Thema: Der Mann will einfach noch nicht hinabfahren in den Sänger-Hades und lebt deswegen inzwischen offenbar deutlich gesünder als früher. Punktum.

Erst mit dem vierten und fünften Song gibt es eine gewisse Schwermut, die aber kaum an frühere Trauerspiele erinnert, sondern vielmehr an den trockengelegten späten Tom Waits in Bestform. Russell wird in einigen Songs beinahe schwiegermuttertauglich, tut tatsächlich keinem mehr weh und bleibt in seinem Liebestaumel brav nüchtern.
Der nächste Rock'n'Roll heißt Why I Love Her und ist fröhlich. So schaut's aus, Old Knitterface auf Freiersfüßen und keine Anstalten von Defätismus, im Gegenteil, mit The More I Know folgt ein weiterer treibender Rocksong, der mit seinem vorbildlichen Keyboardspiel, dem heißen Sax und den Soul-Backings jede Blues-Brothers-Revue veredeln würde.
Noch ein schönes Liebeslied: Me And You. Cello und Stimme im trauten Einklang, dahinter eine Hammond zum Klavier. Dat is prima, schließlich sind wir doch auch alle gut drauf.
Wenigstens in Different People gibt es verzerrte Neil-Young-Gitarren und ein paar ketzerische Untertöne für die gut situierte und Pfeife rauchende Katastrophenguckerschar, die auf "Unrepentant" wahrlich nicht mit klanglichen und verbalen Ausfällen versorgt wird. Was im abschließenden Petit Gars gesagt wird, bleibt Geheimnis der frankophilen Kundschaft, sonderlich gemein klingt das etwas seltsame Chanson nicht.

Keine Ahnung, warum in unserer Redaktion diese CD auf Ablehnung gestoßen ist. Vielleicht weil nur sehr wenig bis gar kein echter Blues zu hören ist? Macht ja nix, dafür gibt's handfesten Rock und keine alkoholgeschwängerten Experimente. Es sollte hoffentlich genügend Menschen geben, denen ein gesunder Calvin Russell im Rock'n'Roll-Taumel lieber ist als ein desperater Trunkenbold.
Nein, massenkompatibel und schön wird der Typ nicht mehr. Aber altersmilde. Wie Oliver Kahn. Und den mag auch nicht jeder.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 17.05.2008

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:


 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum