HoR Logo kl CD-Review:

Logo Legion Of Mary

The Jerry Garcia Collection Vol. 1

Logo Home-of-Rock
Startseite > CD-Reviews > Legion Of Mary > The Jerry Garcia Collection Vol. 1

The Jerry Garcia Collection Vol. 1
The Jerry Garcia Collection Vol. 1, Rhino Records, 2005
Jerry Garcia Vocals, Guitar
Merl Saunders Keyboards, Vocals
John Kahn Bass
Ron Tutt Drums
Martin Fierro Sax, Flute
Produziert von: Jerry Garcia & Merl Saunders Länge: 151 Min 21 Sek Medium: Do-CD
CD 1: 
1. Tough Mama (9:42) [B. Dylan]5. Tore Up Over You (11:49) [H. Ballard]
2. That's A Touch I Like (11:54) [J. Winchester]6. The Night They Drove Old Dixie Down (8:30) [R. Robertson]
3. I Second That Emotion (14:02) [A. Cleveland/S. Robinson]7. Talkin' Bout You (11:16) [R. Charles]
4. Since I Lost My Baby (Instrumental Jam) (11:56) [S. Robinson/W. Moore/Legion Of Mary]
CD 2: 
1. I'll Take A Melody (11:27) [A. Toussaint]5. Last Train From Poor Valley (7:54) [N. Blake]
2. Let It Rock (13:54) [C. Berry]6. Mystery Train (13:02) [H. Parker/S. Phillips]
3. Neighbor, Neighbor (11:56) [A.J. Valier]7. How Sweet It Is To Be Loved By You (10:55) [B. Holland/L. Dozier/E. Holland]
4. Money Honey (10:04) [J. Stone]

Wir sind so 'ne Art Nachlaßverwalter-Generation geworden (leider nicht nur die Schreiber, die Passiven des Rock, sondern auch die Aktiven, die Musiker), und dieser Wust hindert uns daran, viele Dinge auch nur ansatzweise objektiv zu sehen; wir kramen lieber in den verschiedenen Schubladen unserer Erinnerungen.
Jürgen Legath - Sounds Magazin, 1974

Ein wunderbarer Satz, leider bereits über 30 Jahre alt und deswegen stimmt es heute noch viel mehr als damals. Wir müssen wieder einmal ganz tief in der Geschichte wühlen.

Als Jerry Garcia um die 30 war, also Anfang/Mitte der Siebziger, muss er genau die richtigen Drogen erwischt haben. Anders ist die unendliche Kreativität und Arbeitswut des Gleicheren unter den Gleichen bei GRATEFUL DEAD nicht zu erklären. Kaum ein Künstler ist in diesen Jahren an so vielen Projekten, Bands, Sessions etc. beteiligt gewesen und kaum einer wurde so von seinen Kollegen hofiert. Dementsprechend riesig ist nach wie vor der noch aufzuarbeitende Nachlass und auch 10 Jahre nach seinem Tod finden sich immer wieder bisher nicht offiziell veröffentlichte Aufnahmen mit oder von Garcia.
Der Bandname LEGION OF MARY war mir bis dato unbekannt. Kein Wunder, denn die Band bestand nur gut sieben Monate und es existieren wohl keine Studioaufnahmen. Außer etwa 5 Dutzend in den U.S.A. gespielten Konzerten zwischen Dezember 1974 und Juli '75 und der einen oder anderen verschwommenen Erinnerung noch lebender Ohrenzeugen hat dieses Projekt nichts greifbares hinterlassen. Meinte jedenfalls der, der die Band sowieso nicht kannte. Deshalb an dieser Stelle etwas Geschichtsunterricht (auch und gerade für die Nicht-Deadheads).

Im Juni 1974 wurde die GRATEFUL DEAD LP "The Grateful Dead From The Mars Hotel" veröffentlicht und chartete bis auf Platz 16 in der Billboard-Hitparade. Allerdings war die Band ab Ende Oktober '74 nicht auf Tour und einige Mitglieder ergingen sich in Soloausflügen. So veröffentlichte zum Beispiel Robert Hunter sein Album "Tales Of The Great Rum Runners", Bob Weir spielte mit KINGFISH und richtet sein "Ace Studio" ein und Garcia schnappte sich Merl Saunders, John Kahn, Ron Tutt und Martin Fierro und wollte die Grenzen zwischen Rock, Jazz, Jam und Swing fließend machen (Garcia war bereits ab Dezember 1973, also nach dem Album "Wake Of The Flood", außerhalb DEAD solo aktiv, allerdings wechselweise mit den Drummern Paul Humphrey und DEAD-Stammschlagzeuger Bill Kreutzmann und firmierte als JERRY GARCIA BAND oder GARCIA AND SAUNDERS).
Wer waren diese Herren Saunders, Kahn, Tutt und Fierro?
Der mittlerweile 71-Jährige Hammond-Künstler Merl Saunders war seit 1969 ständig mit Garcia in Verbindung, wirkte bei diversen DEAD- und fast allen Garcia-Soloplatten mit und verstärkte G.D. auch live immer wieder. Neben seiner Tätigkeit als Session-Keyboarder (u.a. für Taj Mahal, Bonnie Raitt oder CCRs Tom Fogerty, mit dem er beim gleichen Label, "Fantasy", war) nahm er unter eigenem Namen bis vor wenigen Jahren Soloplatten auf, dürfte sich aber inzwischen krankheitsbedingt aus dem Business zurückgezogen haben. Bei LEGION OF MARY war sein Hammond- und Pianospiel maßgeblich für den Gruppensound.
Bassist John Kahn (verstorben 1996) war seit 1959 (damals für John Lee Hooker) ein beliebter Sessionmann, zuerst in der Blues-, später in der San Francisco-Szene. Von Mike Bloomfield, Al Kooper, Otis Rush über Nick Gravenites oder ebenfalls Tom Fogerty, bis zu immer wieder Jerry Garcia reichten seine Engagements.
Ron Tutt war bereits in den Fünfzigern Schlagzeuger bei Elvis Presley, wirkte in den Siebzigern und Achtzigern bei Dutzenden Rock-, Pop- und Westcoast-Produktionen mit (Gram Parsons, Chris Hillman, Neil Diamond, Barbra Streisand, Billy Joel, Emmylou Harris, THE CARPENTERS, vielen Garcia-Soloprojekten u.v.a.m.) und trommelt heute bei der nekrophilen "Virtual Elvis Tour", bei der Presley noch hinter dem Schlagzeuger auf der Bühne erscheint - auf einer Leinwand nämlich.
Um seine Vorstellungen von Jazz, Swing und Jam-Rock innerhalb eines Gruppengefüges zu verwirklichen, benötigte Garcia einen Saxophonisten. Langzeit-Kompagnon Martin Fierro bot sich dafür nach seinem Mitwirken auf "Wake Of The Flood" (1973) und "The Grateful Dead From The Mars Hotel" an. Der gelernte Jazzer tauchte ab Ende der Sechziger immer wieder in einschlägigen San Francisco-Bands auf (MOTHER EARTH, QUICKSILVER MESSENGER SERVICE, THE SIR DOUGLAS QUINTET etc.) und ist seit 1984 Mitglied der Band ZERO, die u.a. von John Cippolina gegründet wurde. Bis ins Jahr 2000 konzertierte er in der Bay Area unter dem Namen LEGION OF MARY mit lokalen Musikern. 2003 tauchte er bei Konzerten der Jam-Band STRING CHEESE INCIDENT auf.
Technisch mag Jerry Garcia in dieser Crew vielleicht der schwächste gewesen sein (sein Gitarrespiel tendiert bei den vorliegenden Liveaufnahmen ab und an in grenzwertige Bereiche und als Sänger war er ohnehin nie als Bob Seger des Jam-Genres bekannt). Aber als Inspirator und musikalisch-geistiger Kopf des Projektes hat er sich ein weiteres Mal unsterblich gemacht - auch wenn die Essenz erst dreißig Jahre später ans Tageslicht kommt.

Garcia wollte mit LEGION OF MARY mitnichten eigene Songs wiederkäuen, Ziel war vielmehr, Fremdkompositionen aus den verschiedensten Stilen in einen Garcia-Kontext zu bringen. Also nahm man sich Stücke von Dylan, dem Vietnam-Kriegsdienstverweigerer Jesse Winchester, Motown-Brother Smokey Robinson, Doo-Wop-Pionier Hank Ballard, Robbie Robertson von THE BAND, Soul-Godfather Ray Charles, New Orleans-R&B-Großmeister Allen Toussaint, Chuck Berry, dem Songwriter Jesse Stone (Shake Rattle And Roll, Flip, Flop And Fly und viele weitere Hits), Bluegrass-Neuerer und -Bewahrer Norman Blake (u.a. Sideman von Dylan und Johnny Cash, Elvis-Hitlieferant und Produzent Sam Phillips oder der Motown-Hitmaschine Holland/Dozier/Holland und spielte spielte spielte... jedes einzelne Stück zwischen 8 und knapp 15 Minuten lang.
Ob nun ein gesteigertes intellektuelles Interesse hinter all diesen Coverversionen stand, oder ob die fünf Musiker einfach nur Spaß haben wollten, sei dahingestellt.

Nun endlich zur CD, die als "The Jerry Garcia Collection Vol. 1" im HDCD-Soundverfahren erscheint. Rhino Records haben einmal mehr ganze Arbeit geleistet, in Punkto Aufmachung und Klangqualität ist diese Doppel-CD beispielhaft. Der Sound ist so transparent und glasklar, dass man am historischen Aufnahmedatum manches Mal zweifeln könnte. Die Herkunft von insgesamt sieben verschiedenen Konzerten ist bestenfalls am Publikumsgeräusch feststellbar.
Taucht man in die CD ein, verlieren Herkunft, ursprünglicher Stil und Alter der einzelnen Stücke vollkommen ihre Bedeutung. Das Konglomerat LEGION OF MARY macht jeden einzelnen Song zu seinem eigenen, egal ob das erst Monate zuvor von Bob Dylan veröffentlichte Tough Mama vom Album "Planet Waves" oder der Chuck Berry-Klassiker Let It Rock. Die Legionäre wandern unaufgeregt im großen bunten Jam-Topf umher und spielen sich und das Publikum in einen entspannenden musikalischen Tiefenrausch.
Ein ums andere Mal herausragend sind die Exkursionen Fierros am Saxophon. Wenn er den wahlweise swingenden, rockenden oder bluesenden Songvorlagen seinen jazzigen Stempel "aufbläst", verschwinden die Grenzen zwischen Jam und Jazz und die Band kann im Hintergrund weiterhin entspannt vor sich hin rocken. Ähnlich, nur eben mehr im Hinter- als Vordergrund, agiert Merl Saunders an der Hammondorgel. Er ist sozusagen das allgegenwärtige Fundament, auf dem L.O.M. ihre verwobenen - und trotz der enormen Längen nie langweiligen - Soundgebilde aufbauen. So ist zum Beispiel im Smokey Robinson-Hit I Second That Emotion nur noch wenig Motown-Soul zu finden, dafür eine unglaubliche Welle dahintrabende Spielfreude und wunderschöne Hammond-Gitarre-Höhepunkte (auch wenn Garcia immer wieder am Rande des Absturzes soliert und diverse Töne auch im x-ten Anlauf nicht trifft).

Man braucht kein Jazzfan zu sein, um den stimmigen Ausführungen des Quintetts folgen zu können. Auch kein Blues-, Folk- oder Jamfan. Musikfan reicht, dann ist dieses Album Pflicht. Wenn überhaupt ein Song herauszuheben ist, dann die bewegende Version von The Night They Drove Old Dixie Down.
Sicher werden viele sagen "endlich wurden diese Aufnahmen veröffentlicht". Ist natürlich Quatsch, denn erstens wussten die wenigsten von ihrer Existenz und zweitens ist dieser Sound so zeitlos, dass er mühelos auch noch weitere 30 oder 200 Jahre so zeit- oder unzeitgemäß wie heute oder 1974 ist.
Wundervoll!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.09.2005

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > CD-Reviews > Legion Of Mary > The Jerry Garcia Collection Vol. 1

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum