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Live At Rockpalast

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Live At Rockpalast
Live At Rockpalast, Eagle Vision, 2009
Paul Barrére Vocals, Guitar
Sam Clayton Percussion
Lowell George Vocals, Guitar
Kenny Gradney Bass
Richard "Richie" Hayward Drums, Vocals
Bill Payne Keyboards, Vocals
Produziert von: WDR (1977) Länge: ca. 97 Min Medium: DVD
1. Skin It Back10. Willin'
2. Fat Man In The Bathtub11. Rocket In My Pocket
3. Oh, AtlantaBonus Rehearsal Track:
4. Day At The Dog Races12. Old Folks' Boogie
5. All That You Dream13. Fat Man In The Bathtub
6. Old Folks' Boogie14. Rock'n'Roll Doctor
7. Dixie Chicken15. Skin It Back/Fat Man In The Bathtub
8. Tripe Face Boogie16. Oh, Atlanta
9. Feats Don't Fail Me Now17. Willin'

In der Umbaupause danach zeigte der WDR Ausschnitte von einem Auftritt von Frankie Miller - und das war nach knapp 70 Minuten Langeweile für zwei noch sehr junge aber umso beinhärtere Rocker vor dem heimischen Fernseher das weitaus beste am Konzert von LITTLE FEAT in jener Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1977. Immerhin eröffnete diese allererste Rockpalast Nacht der unübertreffliche Rory Gallagher, da hätten sich die "Kleinen Füße" (wie sie in der deutschen Presse gerne und grausig falsch genannt wurden) schon größere Stiefelchen anziehen müssen, um mit ihrem Old Folks' Boogie gegen den Ochsenfrosch Blues bestehen zu können. Von wegen Messin' With The Kid, für uns war Rory der Winner und der tapfere Lowell George von seltsamen Professoren umgeben.
Ein paar Jahre - und das Live-Album "Waiting For Columbus" sowie Lowells letztes Werk "Down On The Farm" - später dachten die rasant erwachsen gewordenen Nachwuchskritiker ganz anders über LITTLE FEAT und den Auftritt im Rockpalast, was zur Folge hatte, dass seit sehr langer Zeit natürlich alle FEAT-Platten im Schrank stehen und man sich bis vor relativ kurzer Zeit immer wieder gern zu einem der raren Konzerte in Europa aufmachte, um sich mit den leider Lowell-losen FEAT der Neuzeit einen Groove-Abend zu machen. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass der seit Ewigkeiten kaum mehr gealterte Kritiker auf weitere teure Fernreisen zu einer seiner Lieblingsbands künftig verzichten wird, denn erstens ist die großartige Sängerin Shaun Murphy seit Anfang dieses Jahres nach 16 Jahren ausgestiegen (worden?), zweitens sind die letzten CDs allesamt enttäuschend gewesen, egal ob im Studio oder live aufgenommen, drittens ist Schlagzeuger Richie Hayward offenbar sehr ernsthaft erkrankt (die Leber) und kann bis auf weiteres nicht mehr mitmachen, viertens ist LITTLE FEAT inzwischen zu einer weiteren der vielen Oldie-Bands aus dem amerikanischen Classic Rock Zirkus geworden - und wir haben so viele heiße junge Bands, die unsere Unterstützung deutlich dringender brauchen als die doch merklich ergrauten Altstars. Letztlich 5.: Es gibt jetzt den 77er Auftritt im Rockpalast auf DVD. Besser oder wenigstens vergleichbar gut können die Männer schlicht nicht mehr sein. Basta.

Man kann der Band schon ein paar Vorwürfe wegen diesem Gig machen, zum Beispiel den, dass mit Skin It Back ein viel zu komplizierter Song als Einstieg gewählt wurde. Mit seiner eigenen Nummer von "Feats Don't Fail Me Now" konnte sich wohl Paul Barrére auf der Gitarre prima warm spielen, er ließ auch ein fantastisches Solo vom Stapel, aber für die Stimmung in der Grugahalle und vor dem Fernseher war das nix, speziell nicht nach Rorys furiosem Act eine knappe Stunde davor. Ob Lowell George mit der Eröffnung des Konzerts wohl glücklich war? Richtig gut drauf schien er jedenfalls nicht zu sein und lieferte im Anschluss ein nicht sonderlich inspiriertes Fat Man In The Bathtub. Vielleicht war es auch nur die Anspannung, denn der Band war wohl bewusst, dass sie an einem historischen Ereignis teilnahm, zig Millionen Menschen konnten Scheitern oder Triumph in Echtzeit verfolgen.
Mit Bill Paynes Oh, Atlanta kam die Sache ins Rollen. Payne selbst schaffte zu seinem großartigen Spiel auf dem Piano ein paar hübsche gesangliche Ausrutscher, aber Hayward und Clayton trommelten wie die Teufel und George tobte sich als Backgroundsänger und an der Slide aus, und stahl damit dem technisch viel besseren Gitarristen Barrére die Show. Doch der rächte sich und lies direkt danach den Jazzrock Day At The Dog Races anstimmen. Es ist bekannt, dass George mit der LP "Time Loves A Hero" nicht glücklich war, denn die Band hatte sich weg von seinem (Georges) traditionellen Sound hin zu dieser Melange aus Jazz, Rock und Jam bewegt. Kreativ konnte er nicht viel dagegen setzen, denn bei den Aufnahmen für "Time Loves A Hero" war er wohl arg von seinen Suchtproblemen geplagt, aber er reagierte im Rockpalast auf seine Weise, wie wir heute wissen (dem hervorragenden Klappentext von Matthias Mineur sei Dank): Er verließ einfach die Bühne, ignorierte den ungeliebten Song und zog sich backstage was auch immer zur Entspannung. Es war keine gute Stimmung in der Band.
Nun ist Day At The Dog Races ganz sicher ein musikalisches Highlight, jeder in der Band bekam seinen persönlichen Spot für die Galerie, jeder war auch ein so grandioser Musiker, dass man bis heute nur staunen kann, aber dem "Roots-Musiker" George stieß das Gedudel sauer auf. Sieht man den Film mit dem Wissen aus dem DVD-Cover, versteht man auch die seltsam hüpfende Rückkehr Georges auf die Bühne. Er war nach der selbstverordneten Pause einfach komplett bedröhnt… und legte danach eine so einzigartig beseelte Performance hin, dass man ihm heute noch Blumen dafür überreichen möchte. Barrére konnte machen was er wollte, auf jedes seiner fantastischen Soli antwortete George mit einer harschen Slide-Antwort, was im Old Folks' Boogie in eine wunderschöne Gitarrenschlacht mündete. Es gibt viele Liveaufnahmen von LITTLE FEAT, aber wenige mit einer so offen ausgetragenen "Rivalität" an den Gitarren.
Die Band war nach der unangenehmen ersten Viertelstunde natürlich längst auf Betriebstemperatur und nun konnte man sich nach der erfolgten Findungsphase im zweiten Teil des Konzerts auf die wesentlichen Dinge konzentrieren: wahnwitzig gute Instrumentaleinlagen liefern und den beiden "Dixie Cocks" George und Barrére die Basis für ein genialisches Dixie Chicken legen. Da haben sie sich dann doch gut genug verstanden, um jeden geläuterten Ignoranten von damals auf die Knie zu zwingen. Auch wenn man 128 Versionen von Dixie Chicken kennt, diese knapp 12 Minuten hier sind einzigartig. Und dann kam der Tripe Face Boogie
Nein, niemand mit dem schmalen Horizont von STATUS QUO bis DEEP PURPLE und vielleicht Gallagher konnte damals die Größe dieser Band erfassen, sie wurde erst mit etwas mehr Basiswissen und vielleicht auch Intelligenz zu dem was sie in Wirklichkeit von Anfang an war: eine epochale Rockband mit phantastisch guten Musikern und Songwritern, die Klassiker geschaffen haben. Also ließen diese Superkönner den Tripe Face Boogie wachsen und wachsen und wachsen bis zur ultimativen Klimax. Lowell George holte dann eine Tröte aus seiner Latzhose und gab den Schlusspfiff. Boah, die letzten 45 Minuten waren Rock & Roll der Güteklasse "Legendär".
Die Zugaben Feats Don't Fail Me Now, Willin' und Rocket In My Pocket dienten damals der Party, hätten aber ausnahmslos ins Hauptprogramm gehört. Toll gespielt, aber die Spannung war raus. Einzig die Vorstellung der Band gab noch Stoff für (nachträgliche) Überlegungen. George sagte in deutlich abgesenkter Lautstärke: "… and our other guitar player is Paul Barrére." Freunde waren die beiden nicht mehr, überlebt hat nur einer.

Als Bonus gibt es Aufnahmen von den Proben in der Grugahalle. Interessant, wie konzentriert die Band ans Werk ging, auch interessant, dass Lowell George und nicht Paul Barrére die Band dirigierte. George rief Barrére bei den Rehearsels zur Ordnung! So geriet Fat Man In The Bathtub zur deutlich heißeren Version als im Konzert, genau wie Oh, Atlanta. Das Solo in Skin It Back lies George im Konzert einfach weg (bzw. wurde ihm aufgrund der Arrangementänderung weggekürzt). Der Bandgründer und vermeintliche Verlierer im Machtkampf war letztendlich zwar doch der Chef, aber eben auch das potentielle Rock'n'Roll-Drogenopfer - und Paul der mutmaßlich bessere Geschäftsmann.

Die Tonqualität ist wie immer beim Rockpalast akzeptabel, das Bild, ebenfalls wie immer bei solch antiken Aufnahmen, sehr dunkel, nicht besonders dynamisch und ganz sicher heutzutage nicht mehr zeitgemäß. Wir waren in diesen lange vergangenen Tagen schon recht leicht zufrieden zu stellen, und sollten dies angesichts der Wichtigkeit solcher Ereignisse auch heute noch sein. LITTLE FEAT im Rockpalast ist auf jeden Fall Pflicht für Anspruchsrocker, egal ob alt oder jung.

PS: Auf dem Cover wird "Rehearsal" tatsächlich "Rehersal" geschrieben. Die Schlampigkeiten der Plattenfirmen nehmen inzwischen üble Ausmaße an. Wenigstens ein Wörterbuch sollte doch auch in Krisenzeiten noch drin sein. Oder Personal mit Fachwissen. Aber das ist bekanntlich 2,50 teurer als ein Praktikant.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 17.08.2009

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