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Rainbow

Live In Munich 1977

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Live In Munich 1977 - DVD
Live In Munich 1977 - CD
Live In Munich 1977, Eagle Vision/Eagle Records, 2006
Ronnie James Dio Vocals
Ritchie Blackmore Guitar
Bob Daisley Bass
Cozy Powell Drums
David Stone Keyboards
Länge: ca. 146 Min (DVD) & 98 Min 43 Sek (CD) Medium: DVD & CD
1. Inroduction (DVD only)6. Long Live Rock'n'Roll
2. Kill The King7. Man On The Silver Mountain
3. Mistreated8. Still I'm Sad
4. Sixteenth Century Greensleeves9. Do You Close Your Eyes
5. Catch The Rainbow
DVD Bonus Features:
Long Live Rock'n'Roll (Promo Video)Bob Daisley Interview
Gates Of Babylon (Promo Video)Photogallery
L.A. Connection (Promo Video)Slide Show with Audio Commentary
Colin Hart Interview

DM 16,90 inkl. gesetzlicher Abgaben. So steht es auf dem Ticket für den 20. Oktober 1977 in München. Na ja, eigentlich für den 19., aber der Termin wurde um einen Tag verschoben, weil Ritchie Blackmore in Wien im Knast saß.
RAINBOW waren damals groß, so groß, dass man jede Zeile mitsingen und jedes Solo ganz locker aus der Hüfte nachspielen konnte. Und man musste sich unerlaubterweise von zuhause entfernen, um dieses Konzert zu sehen. Die desaströsen Folgen waren da noch nicht abzusehen.
29 Jahre später gibt es dieses Konzert endlich als regulären Release, wo schon seit Jahrzehnten Bootlegs, zweifelhafte WDR-Videomitschnitte (es war ein Konzert für den Rockpalast) und miserable japanische Not-Veröffentlichungen durch die Sammlergilde kreisen. Doch macht der leicht melancholische Rückblick auf vergilbte Jugendtage alles besser?

Um es deutlich zu sagen: Die Doppel-CD macht überhaupt nichts besser, im Gegenteil, sie zerstört einen lange aufrechterhaltenen und gerne gepflegten Mythos. Den der allzeit perfekt tönenden Band RAINBOW um den Supergitarristen Ritchie Blackmore und den göttergleichen Sänger Ronnie James Dio nämlich.
Nein, es ist nicht so, dass der Auftritt vom 20.10.77 eine Katastrophe gewesen wäre. Es wird nur die klinisch reine Doppel-LP "On Stage" (im Juli 1977 veröffentlicht) ad absurdum geführt. RAINBOW waren eine ganz normale Hardrockband mit allen Fehlern, Plattitüden und doofen Posen, allerdings gesegnet mit eben den genannten beiden Könnern, die damals (Dio bis heute) in der Lage waren, für immer gültige Rock-Epen zu kreieren. Oder sich aus der eigenen (Blackmore mit PURPLEs Mistreated) oder fremden Geschichte (Still I'm Sad von den YARDBIRDS) kongenial zu bedienen.
Natürlich profitierte Blackmore von seiner DEEP PURPLE-Vergangenheit. Er war ein Koloss. Ronnie James Dio war allerdings trotz der grandiosen Alben mit ELF für das damals durchschnittlich 18 Jahre alte Publikum ein unbeschriebenes Blatt und begeisterte vermutlich aus zwei Gründen: Er war ein erfahrener Sänger und über dreißig. Das wusste damals zwar kaum jemand, aber dieser Zwerg "killte". Er war klein, hatte lange Haare, extrem charismatisches Auftreten und eine Mörderstimme. Das genügte, das viele Jugendliche in der Pubertät unverzüglich ihr körperliches Wachstum zugunsten dem der Haare einstellten und sich aufs Federmäppchen glänzende Regenbogen malten.
Wer damals dabei war, wird angesichts der CD entsetzt über die kastrierte Darbietung sein und sich fragen, warum er so lange am Tropf der Geschichte hing und sich brüstete, einer der vielleicht noch knapp zweitausend in der Halle Verbliebenen gewesen zu sein. Für horrende 16,90...
Wer allerdings die DVD einlegt und den tadellosen 5.1-Sound genießt, wird der Magie des Regenbogen erliegen. Zweifellos.

Wie gesagt, Blackmore wurde in Wien wegen einem gezielten Hieb gegen einen Securitymann für 24 Stunden eingekerkert und kam erst gegen 23 Uhr in München an (die lustigen Details sind in den sehr informativen Booklets nachzulesen). Die Vorgruppe KINGFISH (ob nun GRATEFUL DEADs Bob Weir dabei war oder nicht... es interessierte überhaupt niemanden) mühte sich redlich, kam sogar für einen zweiten Set auf die Bühne - und wurde weiterhin ignoriert, bis nach weit dem eigentlichen Konzertende dann ein Ansager erschien und RAINBOW für demnächst ankündigte, weil Ritchie Blackmore "von der österreichischen Polizei gefangengehalten war".
Im Booklet wird ein letztendlicher Konzertbeginn um 24 Uhr kolportiert. Dies ist falsch. In Wahrheit dürfte die Show etwa gegen 1 Uhr oder sogar später begonnen haben. Die einfache Begründung: Der Rezensent des Jahres 2006 konnte im Jahr 1977 seinen Eltern zwecks wenigstens halbwegs zu erhaltendem Familienfrieden frische Brötchen (bayrisch: Semmeln) zum Frühstück kredenzen. Die nahegelegene Backfabrik öffnete aber erst um 5.30 Uhr und der Weg von der Olympiahalle dorthin dauerte per pedes trotz Schiss vor dem zu erwartenden Ärger, Bier und dem obligatorischen Joint allerhöchstens 45 Minuten.
Anyway, die Schwachmaten und Feiglinge waren angesichts der fortgeschrittenen Zeit längst gegangen und wir ECHTEN bekamen RAINBOW zu sehen, wie es eben nur die echten Fans verdienen. Eine schöne Sache, diesen einmaligen Auftritt nach so vielen Jahren in wenigstens soundtechnisch einigermaßen aufbereiteter Form wieder genießen zu können. Man kann die alten Videokassetten mit den originalen Aufnahmen für den Rockpalast jetzt wegwerfen.

Genau wegen dem Rockpalast fand das Konzert überhaupt noch statt, die Fernsehleute bestanden auf der Durchführung. Gut so, denn nur deswegen konnte man Blackmore over the Top erleben. Richtig geladen, bewegungsfreudig wie selten zuvor und vermutlich nie danach, giftig und aggressiv, kurz: Ein anderer Mensch als der heutige Mittelalter-Schlagerfritze. Der eigentliche Mittelpunkt der Show war aber Ronnie James Dio, der Zeremonienmeister, Magier, Rock & Roll-Einpeitscher vor dem Herrn. Die Bewegungsabläufe haben sich bekanntlich bis heute kaum verändert, dem jungen Fan werden hier die Ursprünge des Dio-Style nahegebracht.
Steht oben "Blackmore over the Top", impliziert dies auch einen verhudelten Beginn von Kill The King, bei dem Prinz Eisenherz offenbar gleich mal ein paar Kilo überschüssiges Testosteron ablassen musste. Als ihm die gerade neu besetzte Band kurz darauf dann folgen konnte, entstand eine überwältigende Version dieses Klassikers. Dem King muss Angst und Bang geworden sein. Gleiches gilt für Mistreated. Bassist Bob Daisley (kam gerade von den zurecht gescheiterten WIDOWMAKER) konnte bei RAINBOW sofort für den nötigen Tiefdruck sorgen (was Blackmore nicht unbedingt so sah, die Aufnahmen für das kommende Album "Long Live Rock'n'Roll" bestritt er größtenteils höchstselbst), der Name Cozy Powell steht sowieso für sich und Keyboarder David Stone störte nicht weiter und war ansonsten ein weiteres willfähriges Opfer des Despoten Blackmore.
Erst nach einer guten Viertelstunde gab es eine kurze Verschnaufpause beim Intro-Gezupfe zu Sixteenth Century Greensleeves, die aber sogleich von einem mächtigen Hardrockgewitter hinweggefegt wurde. Würde Blackmore seiner Nachtigall Candice Night heutzutage eine solche Version vorsetzen, seine karges Nachtquartier wäre flugs ins Verließ verlegt.

Warum man bei der Doppel-CD auf die Ansagen und Erklärungen verzichtete, ist rätselhaft. Platz dafür wäre genug gewesen, doch so wird der Performance viel an Ausstrahlung und Bedeutung genommen. Auf der DVD ist alles drauf, auch die vermeintliche Tonstörung, als Dio in Daisleys leise geschaltetes Mikro sang und mit einem irritierten Blick schließlich wieder zu seinem eigenen wechselte.
Herrlich ist auch der Anblick des riesigen Regenbogens über der Bühne. Unglaublich teuer in Herstellung und beim Transport, stellte das Ding seinerzeit das Nonplusultra zeitgenössischen Rock-Entertainments dar. Die entsetzten Gesichter der damaligen Fans möchte man heute sehen, wenn eine vergleichbare Band mit so einem Funzel-Gimmick auftreten würde. Von wegen Catch The Rainbow, ohne Laser und Explosionen geht schon lange nichts mehr. Die Leute sollten allerdings nie vergessen: Long Live Rock'n'Roll! Den Einstieg in diesen Jahrhundertsong verbaselten Blackmore und Stone zwar mächtig, danach gab's aber deftig Haue und man vermutet beinahe, die heutigen Schmerzen im Kreuz des Zusehers resultieren vom damaligen Headbangen. Leider gibt es keine richtigen Publikumsaufnahmen, dem Fernsehteam waren die leeren Tribünen wohl peinlich, aber das fast ausnahmslos in der Arena vor der Bühne versammelte Volk besorgte es Dio im Chorus gewaltig (einmal sieht man einen jungen Menschen mit ziemlich langen Haaren, der verdächtig nach einem späteren Schreiberling aussieht...).

Welch Performance bei Man On The Silver Mountain, welch Solo-Overkill bei Still I'm Sad, welch Gesangsleistung bei Do You Close Your Eyes ("when you making love, yeah, yeah...").
Natürlich klingt der bluesige Keyboard-Mittelteil in Man On The Silver Mountain heute anachronistisch, natürlich wünschte man sich ein komplettes Starstruck, natürlich strotzt mancher Part, vor allem in Still I'm Sad, geradezu vor Pathos. Und selbstverständlich bekommt man auf einer derart ungeschönten DVD auch manche Unsauberkeit präsentiert. Allerdings auch einen entfesselten Ritchie Blackmore - sogar die Gitarrenzerschmetterungsaktion am Schluss ist glaubwürdig, einen Kraftbolzen wie Cozy Powell am Schlagzeug (auch wenn man kein Fan seines Swing-freien Drummings ist, der Mann war ein Ereignis sondergleichen und ein gnadenloser Haudrauf und sein Solo mitsamt Orchester-Einspielungen ein bewegendes Monster) und natürlich den unvergleichlichen Ronnie James Dio. Dies zwar alles in relativ dunklen Bildern, aber endlich in vernünftigem Sound. RAINBOW 1977 sind sicher nicht nur für den Nostalgiker geeignet.

Sehr schön gelungen ist die Bilder-Slideshow mit Audiokommentar. Fast eine Dreiviertelstunde lang gibt es bestens verständliche Information rund um RAINBOW, darunter viel Neues, manch Bekanntes, Kuriositäten und jede Menge Wissenswertes (was zum Beispiel hatte die Bandmaschine auf der Bühne für eine Funktion?). Die Interviews, nun ja, wie solche Interviews eben sind. Dafür gibt's aber drei Promo-Videos, zwar in grottigem Monosound, aber witzig anzusehen.

. DVD 9 Dual Layer - 4:3 Format
. Sound: Dolby Surround 5.1, Dolby Digital Stereo & DTS Digital Surround
. Sprache: Englisch . Extras: 3 Promo Videos, Interviews, Photogalerie, Slide Show mit Audiokommentar

P.S.: Der Ärger zuhause hielt sich in Grenzen. Daddy ging grade zur Arbeit und hatte die Absenz des Sprösslings eh nicht mitbekommen und Mam wusste offenbar von vornherein, dass Bubi nicht beim Kumpel zum Lernen war. Sie kannte wohl den Konzertkalender... und würde heute zu einem solchen Konzert mitkommen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.08.2006

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