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Ray Wilson

The Next Best Thing

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All Music Guide (englisch)

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The Next Best Thing
Ray Wilson
Ray Wilson
The Next Best Thing, InsideOut Music/SPV, 2004
Ray Wilson Vocals, Guitars, Bass, Slide-Guitars
Amanda Lyon Backing Vocals
Irvin Duguid Piano, Strings, Hammond, Moog, Harpsichord
Nir Zidkiyahu Drums, Percussion
Gäste:
Scott Spence Guitar
Ashley Macmillan Drums
Colin Steele Trumpet
Brain McAlpine Piano, Organ, Akkordeon
Produziert von: Ray Wilson Länge: 43 Min 32 Sek Medium: CD
1. These Are The Changes7. Alone
2. Inside8. Magic Train
3. How High9. The Actor
4. The Fool In Me10. Ever The Reason
5. Adolescent Breakdown11. Pumpkinhead
6. Sometimes12. The Next Best Thing

Ray Wilson hat es wieder fertiggebracht, ein sehr persönliches, leidenschaftliches und abwechselungsreiches Werk vorzulegen. Der heute 36-jährige gebürtige Schotte kann auf einen sehr durchwachsenen Weg als Musiker zurückblicken. Er stand dabei nicht immer auf der Sonnenseite. Bis zum heutigen Tag belastet ihn besonders der dunkle Schatten seiner wohl einschneidensten Ära bei der britischen Supergroup GENESIS.
Ich glaube, mit dem aktuellen Album gelingt es ihm nun endlich sich davon zu lösen bzw. sich alles von der Seele zu singen.

Der am 8.September 1968 im südschottischen Dumfries geborene Ray sammelte mit 13 schon erste musikalische Erfahrungen in diversen Schülerbands. Nach dem späteren Umzug nach Edinburgh gründete er mit seinem Bruder Steve, Paul Holmes, John Haimes und Chris Cavanagh die Kapelle GUARANTEED PUR mit denen insgesamt drei Alben entstanden, wobei nur das 93er zur Veröffentlichung kam. Wegen all zu bekannten Übeln in dieser Branche, sprich kommerzieller Misserfolg und Geldmangel, löste sich die Formation bald wieder auf.
Die Grunge-Band STILTSKIN engagierte Wilson 1994 als Sänger. Die hatten prompt mit Inside, dem Song zum Levis Werbespot mehrere erste Chartplatzierungen in Europa. Es sollte aber nur bei einem Output, "The Minds Eye", bleiben, bis der plötzliche Ruhm und Querelen um das verdiente Geld zur Trennung führten. Daraufhin wollte er wieder seine alten Musikerkumpels reformieren, als die Anfrage von Michael Rutherford und Co. dazwischen kam.
Er nahm den lukrativen Job natürlich an und spielte mit den Jungs zusammen das Album "Calling All Stations" ein. Die anschließende Welttournee mit GENESIS prägte ihn nachhaltig bzw. festigte sein Auftreten auf größeren Bühnen.
Leider fiel das Konzept mit den neuen Frontmann bei den Fans durch und es gipfelte in einem einzigen Flop. Ray wurde dabei zu sehr an seinen Vorgängern gemessen und verglichen. Darauf lösten sich GENESIS stillschweigend auf und ließen einen desillusionierten Sänger einfach zurück. Die offizielle Streichung von der Gehaltsliste erfolgte aber erst im August 2000. Er steckte aber trotz der bitteren Erkenntnis den Kopf nicht in den Sand und verordnete sich selbst, finanziell etwas gestärkt, eine erneute Zusammenarbeit mit seiner alten Band.
Nach ihrer Namensänderung in CUT spielten die fünf Freunde 1999 das Album "Millionairhead" ein. Mit dem darauf zu findenden Song Ghost verarbeitet Ray noch einmal die persönlichen Erlebnisse mit den ehemaligen Arbeitgebern.
CUT durften den Support für die SCORPIONS und die Westernhagen-Tour 1999 übernehmen. Ein Höhepunkt war sicher auch sein Auftritt als Gastsänger beim SCORPIONS Auftritt in Hannover bei der Expo 2000.

Aber auch diese Phase hielt nicht lange vor und so startete Ray im August 2001 die erste Solo-Tour. Das Resultat "Unplugged" wurde damals ausschließlich über die Website vertrieben (Anm.d.Verf.: Es war offiziell als "Live And Acoustic" bei den Plattendealern erhältlich).
Er absolvierte viele Auftritte, durfte im Frühjahr 2003 sogar die Tour von SAGA supporten. Im April 2003 folgte dann sein erstes wirkliches Solo-Werk mit dem verheißungsvollen Titel "Change", das bei der Kritikerszene auf positive Resonanzen stieß.
Mit dem "Nächsten Besten Ding" (Titel des neuen Albums) sollte er es aber nun geschafft haben, sich überzeugend in der Singer/Songwriter-Szene zu etablieren.

Mit diesen Tugenden wartet dann gleich der Einstiegssong und Singleauskopplung These Are The Changes auf. Der ziemlich ruhige und getragene Antikriegssong bedient natürlich alle Klischees für dieses Genre. Mit den Ausschnitten aus Originalreden von Mr. Bush, Kennedy, Nixon etc. ist solches Liedgut, mit den Ereignissen des 11. September als Grundthema, nun nicht mehr neu bzw. sogar verbraucht. Trotz wunderbarer Synthieflächen und dem groovenden Bass-Rhythmus hätte man sich einen spannenderen Anfang gewünscht.
Die sich anschließende, schon allseits bekannte STILTSKIN Hit-Tarantel Inside wurde noch einmal soundtechnisch durch den Wolf gedreht und mit etwas mehr Drive eingespielt. Über die Notwendigkeit könnte man streiten, aber eine Qualitätssteigerung gegenüber der Urversion ist jedenfalls zu verbuchen. Gleichzeitig erfüllt es die Appetizerfunktion für diese Platte (auch Herrn Wilsons Ersparnisse müssen hin und wieder etwas aufgebessert werden!).
Track 3, How High, ist ein kurzer, gängiger Rocksong mit schottischem Charme im Kompositionsstil. Er besticht mit einer sehr empfindsam intonierten Mandoline und dem durchdringenden Gitarrensolo im Mittelteil.
Ein Slide-Gitarren Intro verführt den Hörer in The Fool In Me zum schwelgen - bis zur Verwandlung in einen kernigen Rocksong. Der grummelnde Bass, überhaupt die exzellente Rhythmussektion haucht ihm erst Leben ein, aber auch die Einsätze der Trompete. Beschlossen wird das Ganze mit einem orgastischen Gitarrensolo.
Adolescent Breakdown beginnt wie eine klassische McCartney/Lennon-Komposition mit einem besinnlichen Pianoteil. Nach dem Einstieg aller Beteiligten erkennt man eine bezaubernde, ins Ohr gehende Melodie. Die Tastenarbeit erweckt dabei den Eindruck eines mehrköpfigen Orchesters.
Das nur mit dem fantastischen Piano von Irvin Duguit unterlegte Sometimes verbreitet eine melancholische und Sehnsüchte erweckende Aura. Die Vocals von Ray erinnern hierbei sehr an den gefühlvollen David Bowie. Auf jeden Fall ist dieser Track ein stimmungsvoller Höhepunkt des Albums.
Das zarte Alone erweckt mit seiner wunderbaren Melodie Assoziationen zu urtypischen Roadmovies, wobei es die Szenerie des Chevrolets, der über endlose, schnurgerade, staubige Highways fährt, vor dem inneren Auge ablaufen lässt. Ganz speziell erinnert es mich an Tony Careys Room With A View (Titelsong zum bundesdeutschen Fernseh-Dreiteiler "Wilder Westen Inclusive", 1989). Stimmlich kann der Protagonist dabei besonders schmeicheln.
[Anm. d. Red.: "bundesdeutsch"? Ah ja, im Osten war der wilde Westen ja eher von Gojko Mitic geprägt...]
Nach dem Bowie-like sphärischen Intro entwickelt sich Magic Train zu einem recht elegischen, grungig intonierten Stück.
Mit The Actor beschreibt Ray den Werdegang und schnellen Verfall eines Schauspielers, was gleichzeitig auch seine eigene moralische Aufarbeitung der unrühmlichen Wegstrecke mit GENESIS in sich trägt. "I felt like an actor who had lost his audience" (Textauszug). Der Song ist ein Seelentrip und gleichzeitig mit dem Peter Gabriel-mäßigen Klangkostüm eine wehmütige Reminiszenz an seine bewegendste Lebensphase. Es ist das zweifelsohne schonungsloseste musikalische Statement des Songwriters.
Track 10, Ever The Reason, ist ein radiokompatibler Popsong, dessen einzige Referenzen im hervorragenden Harmoniegesang von Amanda Lyon und Ray bestehen. Das anschließende Pumpkinhead ist eine kontroverse Rocknummer im STILTSKIN-Style, das kurzweilig von zerschneidenden Synthiesolis durchzogen wird.
The Next Best Thing beschließt als jazziger, mit Bläsersektionen intonierter Instrumentaltrack dieses Werk. Es ist kein großes aber immerhin ein ungewöhnliches Ende.

Ein Fazit ist die Erkenntnis, dass Wilson kein Rock'n'Roller ist, sondern ein Songwriter, der seine Musiker doch lieber mehr gefühlsbetont agieren lässt. Die 12 Songs bieten trotzdem für jeden Anspruch etwas, die ruhigen, introvertierten aber auch die elektrisch-härteren Seiten. Ist dieses Werk erst einmal in die Gehörgänge eingedrungen, entflammt es auf jeden Fall die Herzen der Musikliebhaber.
In der heutigen Fastfood-verseuchten und von den Medien verblödeten Gesellschaft ist es eine Befreiung und klare Empfehlung!

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 11.07.2004

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