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The String Cheese Incident

One Step Closer

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One Step Closer
One Step Closer, InsideOut Music, 2005
Kyle Hollingsworth Keyboards, Accordion, Vocals
Michael Kang Guitar, Mandolin, Violin, Bass, Vocals
Keith Moseley Bass, Guitar, Harmonica, Vocals
Billy Nershi Guitars, Dobro, Vocals
Michael Travis Drums, Percussion, Bass, Guitar, Vocals
Gäste:
Jason Hann Percussion
Malcolm Burn
Produziert von: Malcolm Burn Länge: 53 Min 18 Sek Medium: CD
1. Give Me The Love8. Betray The Dark
2. Sometimes A River9. 45th Of November
3. Big Compromise10. One Step Closer
4. Until The Music's Over11. Rainbow Serpent
5. Silence In Your Head12. Swampy Waters
6. Farther13. Brand New Start
7. Drive

InsideOut Music ist nun nach der UMPHREY'S McGEE Veröffentlichung sicherlich auf den Geschmack gekommen, den europäischen Musikliebhabern ein weiteres, bisher verborgenes Jamrock Juwel über den großen Teich zu holen. Mit STRING CHEESE INCIDENT folgt nun der zweite Streich, obwohl beide Acts musikalisch kaum miteinander vergleichbar sind.
Dabei möchte ich dem wohl derzeit engagiertesten Label auf dem Sektor der progressiven Musik auf gar keinen Fall pure Profitstrategie unterstellen, denn mit dieser speziellen Art Rockmusik werden in den Staaten seit geraumer Zeit recht ansehnliche Verkaufszahlen erzielt.
Die so genannten "Jam Bands" begreifen ihre Rolle als spezielle musikalische Aufbereiter von traditionellen amerikanischen Kulturgütern wie Country, Folk, Blues, Bluegrass und Rock'n'Roll in völlig losgelösten Interpretationen. Diese "Gruppierungen" versuchen unter Mithilfe besonderer künstlerischer Gaben und mit neuen Ausdrucksformen einen recht unverkrampften Zugang zu diesen, mit der Zeit etwas verstaubten Traditionen zu eröffnen. Die Künstler leben nur für ihre Musik und verwirklichen explizit ihre eigene Philosophie, die eklatant auf dem demokratischen Prinzip aufbaut. Innerhalb der Band zählt die freie Selbstbestimmung, jedes einzelne Mitglied übernimmt Pflichten und Aufgaben, um letztendlich gemeinsam ihren individuellen Zielen näher zu kommen.
Quasi als die großen Vorbilder für diese Musiker-Kommunen werden immer wieder GRATEFUL DEAD herangezogen, die diesen antiautoritären Lebensstil schon in den 60ern praktizierten und schon damals auf die totale Kommunikation mit dem Publikum bauten. Dieses Phänomen bzw. diese musikalische Form trifft in der Zeit von weitgehend medialer Verflachung und emotionaler Verkümmerung auf fruchtbaren Boden und lässt besonders in den USA die Schar ihrer Anhänger rasant anwachsen.

Auch STRING CHEESE INCIDENT aus Boulder, Colorado wissen dort schon längst ein enthusiastisches Millionenpublikum hinter sich, und veröffentlichen dort seit 1996 Alben.
1993 machten sie aus der Not eine Tugend und praktizierten Straßenmusik, um für ihren Unterhalt als obdachlose Ski- und Snowboardfahrer zu sorgen. Heute verkaufen die fünf Jungs Platten im sechsstelligen Bereich, und können somit auch jenseits vom Massengeschäft von ihrer authentischen Musik sehr gut leben. Ihr sehr eigenes Konglomerat aus den verschiedenen nationalen Stilen, dessen Spirit konzeptionell an GRATEFUL DEAD, THE BAND u.a. anknüpft, entzückte eine recht gehörige Menge von Zuhörern und erntete die nötige Annerkennung. Die Musiker dieser noch jungen "Bewegung" vollbringen das Kabinettstückchen, die musikalische Individualität und ihre handgemachte Stilmixtur dem heutigen Zeitgeist einen eigenen Stempel aufzudrücken und es überzeugend dem Konsumenten zu vermitteln.

Auf dem vorliegenden fünften Studioalbum "One Step Closer" verzichtete das Quintett, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, fast gänzlich auf unnötige Effekte, wie egozentrische Soli oder disharmonische Riffattacken, und bietet stattdessen eine unprätentiös formulierte Mischung aus gelöster Lässigkeit und vollkommener Spielsicherheit.
Kyle Hollingsworth, Michael Kang, Keith Moseley, Billy Nershi und Michael Travis verbinden mit ihrer handwerklichen Sicherheit mühelos die sparsame Instrumentierung und eine Südstaaten-Country-Blues-Melange zu einer bisweilen hypnotisierenden Understatement-Musik. Trotz Huldigung von musikalisch kantigen Wurzeln verzichteten sie auf dem neuen Output nicht auf die nötigen Feinheiten und ruhigen Zwischentöne und erreichen damit fast schon eine telepatisch wirkende Synchronität.
Die handwerklich gediegenen 13 Kompositionen des Longplayers sprühen geradewegs vor strömender Lebensfreude, wobei das großartige Zusammenspiel der Protagonisten in mancher Hinsicht an die Vorväter GRATEFUL DEAD erinnert. Allerdings wird bei der kurzen, prägnanten Spielzeit der einzelnen Songs kaum Platz für Improvisationsausflüge eingeräumt. Getragene melancholische Hammondorgel, Akkordeonklänge (Big Compromise) sowie harmoniesüchtig intonierte Akustikgitarren konform zum laid back Schlagzeug, schweben zwischen traditionsbewusstem und bodenständigem Gruppenklang.
STRING CHEESE INCIDENT bekunden des öfteren ihre Vorliebe für harmonischen Gesang und folkig-relaxte Arrangements und lassen vereinzelt auch mal einen Hauch Pop-Appeal (Give Me To The Love) mit einfliesen. Sie kultivieren den Rhythm & Blues, beschreiten Soul- & amp; Folk-Exkursionen, scheuen sich sogar nicht davor Latinorhythmen (Betray The Dark) mit einzuflechten, übermitteln aber durchgehend ein hundertprozentig vitales Bauchgefühl, das jeden Song durchströmt.

Über die begnadete Leichtigkeit der Arrangements hinaus, bietet eine Vielzahl der musikalischen Perlen auch eine gehörige Portion Romantik.
Für "One Step Closer" holte man sich Malcolm Burn als Produzenten ins Haus, der zuvor schon Bob Dylan oder Chris Whitley seine unverkennbaren Trademarks verpasste. Zum ersten Mal musste jedes einzelne Bandmitglied singen und wirklichen Teamgeist durchleben, und das sorgt in seinem unkonventionellen vielschichtigen Ergebnis für einen zusätzlich erfrischenden Hörgenuss.
"Unsere Rollen in der Band ändern sich dauernd", erklärt Moseley. "Diesmal ging es uns darum, besser im Schreiben und Komponieren von Songs zu werden, und Malcolm hat riesig dabei geholfen, unsere individuellen Stimmen zu entwickeln und dennoch ein Forum für sie innerhalb der Band zu finden." (Pressetext InsideOut Music).
Natürlich knüpft die Gruppe bei ihrer Fusion aus traditionell amerikanischer Musikkultur in bester Singer/Songwriter-Manier auch schon gern einmal die musikalischen Fäden rudimentär zu anderen Genrehelden wie J.J. Cale (Drive) oder Bob Dylan (Rainbow Serpent), bringen überraschend sogar Bluegrasselemente (Farther) und Shufflerhythmen (Swampy Waters) mit ins Spiel. Selbst einen gewissen Drang zur klassischen Offenbarung al a BEATLES lässt sich bei einigen Passagen nicht verleugnen.

Trotz aller digitalen Möglichkeiten versuchten die Musiker erst gar nicht, die Songs unnötig zu überladen oder auszuschmücken, sondern bewahrten eine lupenreine Liveatmosphäre, die man einfach spüren kann.
Prominente und kreativ erweiternde Unterstützung erfuhren die Jungs zusätzlich vom einstigen GRATEFUL DEAD-Texter Robert Hunter, der mit Kyle Hollingsworth bei 45th Of November zusammenarbeitete, ebenfalls von Nashville-Songwriter Jim Lauderdale, der gleich an drei Kompositionen mitwerkelte und von Perkussionist Jason Hann, der hörbar eine Bereicherung darstellt.
Man sollte sich die Zeit nehmen, sich einfach in die Schönheit einer Melodie fallen zu lassen, die Tiefe der Akkorde zu erkunden oder sich von der wundersamen lyrischen Stille ganz und gar betören lassen. "One Step Closer" ist die beste musikalische Medizin gegen ein stressgeplagtes, selbstzerstörerisches Alltagsleben, es eignet sich sowohl für den stimmungsvollen Tag, als auch für die ruhigen Abende am Kamin.
Ich persönlich wünsche mir in Zukunft mehr von solchem Seelenfutter, denn ein entspannter zentrierter Geist erfährt auch die Motivation für neue kreative Taten, und solche haben wir in diesen turbulenten Tagen so dringend nötig.
Ergo: Ich kann diese faszinierende Scheibe jedem Liebhaber anspruchsvoller Rockmusik nur wärmstens ans Herz legen!
Rock'n'Roll will never die!

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 26.08.2005

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