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All Night Long

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All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
All Night Long
All Night Long, Rubber Records/ZYX Music, 2006/07
Tommy Boyce Guitars, Vocals, Percussion, Piano (Born To Run)
Damo Campbell Vocals, Bass
Jaws Stanley Drums
Gäste:
Scott Durbin, James Pierce & Ted Tasoro Horns (Shame On You)
Produziert von: Sylvia Massy Shivy & Rich Veltrop Länge: 36 Min 41 Sek Medium: CD
1. Born To Run8. Doghouse Blues
2. Shame On You9. Ain't Coming Down
3. California10. I Thank You
4. All Night Long11. Overload
5. I Don't Want You BackBonus Video:
6. Too MuchCalifornia
7. Heartbreaker

Es ist etwas länger als dreißig Jahre her, als ein junges Bürschlein in München zum ersten Mal ein Lied namens It's A Long Way To The Top (If You Wanna Rock'n'Roll) hörte. Ja, in diesem Moment wurde der Lebenslauf des naiven Kerlchens entscheidend geprägt, denn obgleich schon vorher wild mit Kassetten von QUO, PURPLE, SABBATH und allen anderen üblichen Verdächtigen der damaligen Zeit getauscht wurde, diese Band AC/DC war einzigartig, ganz besonders, anders als alle anderen. Das war nicht nur Hard Rock, das war auch nicht nur Boogie, das war schon gar nicht nur Blues Rock, das war alles zusammen. Das war schmutzig, geil, laut und genial. Die LPs waren teure Importe, mussten aber her. Die Konzerte waren verboten, keiner konnte ihn davon abhalten. Schwabinger Bräu, Circus Krone, Bon Scott schrie wie ein Berserker, Angus Young WAR der Berserker. Ja, das war alles was der Bub brauchte. Das ist im Grunde alles was der Bub bis heute braucht. Ist das arm?

Falls es jemanden beruhigt, der kleine Prolet hört und liebt auch andere Musik, PIE, HATCHET, SKYNYRD zum Beispiel. Zweihundertfünfzig andere genauso. Wenn allerdings diese eine Band aus Australien irgendwo aus den Boxen dröhnt. lasst ihn nach vorne, er könnte sonst zum Problem Child werden und Kicked In The Teeth zum Programm machen.
Und so wurde die Jagd nach dem perfekten Wohlfühl-Rock & Roll für den Knaben aus dem bayrischen Kleinbürgertum zum Lebensinhalt.
Natürlich, es kamen im Laufe der Jahre viele Bands, die den Ansprüchen genügten. Wilde Horden, grandiose Musiker, phantastische Songschreiber, herrliche Good-Time-Rocker, anspruchsvolle Könner. In den letzten sechs Jahren hat der unmerklich älter gewordene Jüngling über viele dieser Wohltäter im Home of Rock berichtet. Nur eines ist nicht passiert, kann natürlich nie mehr passieren, denn es ist ja schon passiert: Das alttestamentarische Staunen und die endgültige und unumstößliche Festlegung auf einen Stil kann Jahrzehnte später nicht mehr wiederholt werden. It's A Long Way To The Top. ist bereits geschrieben und gespielt, alles weitere kann nur noch verglichen werden. Und es ist wieder einmal eine Band aus Australien, die ganz nah dran ist, an diesem glücklich machenden, unfassbar erregenden, unbezahlbaren Sound für Kinder wie uns. THE CASANOVAS heißen sie.

Erstmals gehört auf der schicken Party-Compilation "Punk'N'Roll A Licious - Volume 3", direkt als Boogie-Tiere eingestuft und . wie immer richtig gelegen. Jetzt endlich hat sich ein Europa-Vertrieb gefunden, der diese zweite CD der juvenilen Band - die es immerhin auch schon seit 1999 gibt - an uns vertickt. Ja, und wir haben es mit der heißesten Boogie'n'Roll-CD seit, hmmm, vielleicht seit den FOUR HORSEMEN zu tun. Dan Baird, die DIAMOND DOGS und die fabulösen GLORIOUS BANKROBBERS von neulich mal außen vor gelassen. Man tut sich schwer mit der Kategorisierung, zugegeben, aber für die CASANOVAS findet man kaum Worte. Da ist alles, wirklich alles drin, was der biertrinkende Vollzeit- oder Feierabendrocker braucht, sogar ein halsbrecherisches Cover von ZZ TOPs I Thank You. Hell yeah!
Nach 3:56 Minuten Shame On You wird der allerletzte Miesmacher ächzend in der Ecke liegen. Ein abgründig rockender Boogie, mit dem ultimativ-primitiven Mitgrölrefrain und einer grausam tief schneidenden Bläsersektion. Da wäre der verhältnismäßig simpel rotz-fetzende Opener Born To Run natürlich fast sofort vergessen - wenn nicht ein Piano dabei den Jerry Lee hämmern würde. Dass bis heute Songs wie Shame... geschrieben werden (und alle Jubeljahre ein Überflieger dieser Kategorie dabei herauskommt) ist ohnehin verblüffend, zeugt aber für die Unvergänglichkeit des alten Ehepaares Rock und Roll und für die ungebrochene Anziehungskraft auch auf junge Bands. That's the real stuff, isn't it?

Es ist Zeit, über die Bandmitglieder zu sprechen, schließlich haben wir es mit einer echten Band zu tun und nicht mit einer faktischen One-Man-Show wie z.B. bei George Thorogood. Allen voran natürlich Sänger, Gitarrist und Songwriter Tommy Boyce. Der spielt nebenher ab und an noch das erwähnte Piano und ist überhaupt einer aus der Kategorie "Schützenswertes Kulturgut". Natürlich hat er keine Stimme wie weiland Bon, aber wenn er zwischendurch mal nach Paul Stanley klingt, geht einem auch flugs der Hosenknopf auf. Westentaschen-Shouter wie CRÜEs Vince Neil verfrühstückt er sowieso noch vor dem ersten Bier und den Jagger gibt er beim Boogie-R&B Too Much etwa in dessen Agilität von 1965. Dazu spielt er auch noch eine ganz ganz heiße Gitarre. Gerne eine SG oder etwas was nach Gretsch aussieht. Young-Jünger wissen jetzt was los ist, hoffentlich.
THE CASANOVAS sind ein Trio, das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen. Wenn sie live den Druck dieser CD nur zu 75% reproduzieren können, zählen sie sofort und ohne Umweg zu den Top 10. Speziell in den nicht ganz so wild rasenden Songs lösen die beiden Rhythmiker einen mächtigen Rückstoß aus. AEROSMITH mussten vor dreißig Jahren noch die teuersten Studios und Produzenten bemühen, um wenigstens ansatzweise so fett zu klingen wie heute beispielsweise All Night Long. Welches außerdem die perfekte Symbiose aus eben AEROSMITH, KISS und AC/DC ist.

Zweieinhalb bis vier Minuten und immer aufs Fell. Das ist die Formel der CASANOVAS. Riff, Solo, Refrain, Riff, Schluss - in der Reihenfolge variabel. Damit kann sich gar keine Langeweile einschleichen, denn selbst relativ banale Songs wie Heartbreaker sind viel zu schnell vorbei. Dazwischen wird man positiv aufgeschreckt, wenn mit California ein potentieller Singlehit eingeschoben wird. Dem Titel entsprechend "swingt" es hier fast so lässig wie früher mal bei den BEACH BOYS, äh, bei Diamond Dave. Im passenden Stil ist denn auch das als Bonus angehängte Video gedreht. Beim bereits erwähnten I Thank You wird dafür die Intensität der Texaner mindestens erreicht. Nicht ganz so schräg wie das Original seinerzeit, dafür einen Zacken heftiger und erdiger.

Boogierocker, Hardrocker, Gute-Laune-Rocker des Landes, holt euch die CASANOVAS. Sonst: Shame on you! Der kleine Scheißer von oben möchte nämlich mal wieder eine solche Kapelle live sehen und sich dabei den Frust aus den Knochen schreien. It's a long way to the top, und wir haben erst den kleinsten Teil des Weges geschafft, also gebt den Australiern was den Australiern gebührt. Und dem Münchner auch.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 11.02.2007

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