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The Velvet Underground

Velvet Redux Live MCMXCIII

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Velvet Redux Live MCMXCIII
Velvet Redux Live MCMXCIII, Rhino Home Video, 2006
Lou Reed Guitar & Vocals
John Cale Bass, Keyboards, Viola, Vocals
Moe Tucker Drums, Vocals
Sterling Morrison Guitar, Backing Vocals
Produziert von: David Heffernan Länge: ca. 92 Min Medium: DVD
1. Venus In Furs9. I'll Be Your Mirror
2. White Light/White Heat10. Rock'N'Roll
3. Beginning To See The Light11. Sweet Jane
4. Some Kinda Love12. I'm Waiting For The Man
5. Femme Fatale13. Heroin
6. Hey Mr. Rain14. Pale Blue Eyes
7. I'm Sticking With You15. Coyote
8. I Heard Her Call My Name

Als diese DVD in der Redaktion auftauchte, sagte Schneider etwas von "iiiih, Gammelfleisch". Ausgerechnet. Hier, Pursche, nimm Venus In Furs und sag mir dann, ob Dir das oder deine Goten und Todesmetaller mehr Angst machen! Und anschließend noch Heroin, das sollte ein für alle mal jeden despektierlichen Kommentar schon im Halse zur unschluckbaren Eisenkugel machen.
Wie sagte Bohlen so schön: Jeder hat das Recht auf meine Meinung. Und meine Meinung ist: THE VELVET UNDERGROUND waren nie besser als im Jahr 1993.

"Velvet Redux Live MCMXCIII" ist Kennern seit langem ein Begriff. Einzel- und Doppel-CD sowie VHS-Video kamen bereits im Jahr des Entstehens, MCMXCIII, auf den Markt, darüber hinaus existieren von der damaligen Europatour diverse Bootlegs, auch von den beiden einzigen Konzerten in Deutschland, nämlich Hamburg und Berlin. Bei einem Teil der Tour supporteten VELVET UNDERGROUND unbegreiflicherweise die Superlangweiler U2.
Warum dieses Dokument für die längst überfällige DVD-Version nicht um die fehlenden Songs der drei Pariser Konzerte vom 15. bis 17. Juni 93 ergänzt wurde und warum keinerlei sonstige Features enthalten sind, bleibt Geheimnis der großen Warner Company. Entweder man hat leichtfertig eine Chance vertan oder in absehbarer Zukunft kommt noch eine weitere Edition auf den Markt, schließlich will der Konsument gemolken werden. Dieses Release ist jedenfalls identisch mit dem alten Video, auch der Ton ist "nur" in herkömmlichem Stereo zu genießen (was der Qualität des Enthaltenen keinen Abbruch tut).

VELVET UNDERGROUND, die Band des großen Leidens, der fatalen Drogenopfer, die Gefangenen des in seinem Geníus nie mehr erreichten Megaspinners Andy Warhol und der Reed-/Cale'schen Absonderlichkeiten, hatten in diesem Jahr 1993 Spaß an ihrem Tun. Klingt komisch, ist aber so. Nico, die dramatische Schöne aus Köln, starb fünf Jahre vorher, Warhol bereits 1987, Lou Reed und John Cale hatten ihren tausendjährigen Krieg kurzzeitig unterbrochen und Sterling Morrison (der mit Reed ebenfalls Frieden schloss) und Moe Tucker genossen es offenbar, nach so langer Zeit wieder vor großem Publikum zu performen.
Es war dies wohl die erste und letzte Möglichkeit für eine Reunion, denn, vom Tod Morrisons 1995 abgesehen, möchte man (ich) eine weitere Wiedervereinigung von in Altersweisheit erstarrten Menschen ohne kreative Einfälle im Jahr 2006 ff. nicht erleben. Immerhin gab es mit Coyote und Velvet Nursery Rhyme (nur auf CD) zwei gute neue Songs. Außerdem war 1993 eine passende Zeit, denn so konnte man den NIRVANAs Cobain anhimmelnden Fans livehaftig zeigen, dass Grunge nur eine äußerst dilettantische und kurzlebige Form musikalischen Minimalismus war. Die echten Helden hatten damals schon mindestens 25 Jahre Kampf hinter sich und wussten wovon sie erzählten. Erstens waren sie Pioniere, die dunnemals Musik, Kultur und Denken wirklich beeinflussten und zweitens noch (oder wieder) halbwegs klar im Kopf, so dass eine glaubwürdige Bühnendarstellung zustande kam.

Ob man John Cale bei seinen intellektuellen und teilweise äußerst atonalen Ausführungen an der Violine folgen kann und will, ob man die Botschaften in Heroin oder I'm Waiting For The Man goutiert, ob man angestaubte und/oder obskure Songs mag oder kopfschüttelnd ablehnt, ist eine Sache. Die andere ist, ob man bereit ist, sich einzugestehen, dass VELVET UNDERGROUND für die Entwicklung der Rockmusik unendlich wichtig waren. Viele Bands und Strömungen wären ohne sie nicht möglich gewesen und Rock & Roll wäre ohne V.U. nicht "fertig" geworden. Natürlich war die Band 1993 weit entfernt noch Trendsetter zu sein, S/M, Drogen, halluzinogene Storys waren spätestens in den Siebzigern erschöpfend abgehandelt, und primitive Bedürfnisse befriedigender Rock'n'Roll hatte längst seinen dreißigsten Geburtstag hinter sich. Aber rudimentäre Rocker wie White Light/White Heat, die ultimative Amphetamin-Hymne, machen in ihrer Chuck Berry-/STONES-Einfa(ä)ltigkeit einfach Lust auf mehr, mehr und noch mal mehr.
Die Gesangsparts von Christa Päffgen übernahm Cale. Um gesangliche Brillanz geht es hier wie dort nicht, einzig um Ausdruck - und überraschenderweise gelingt Cale das beeindruckend. Der große Rest wird natürlich von Reed bestritten, und zwar überzeugender als auf vielen seiner vielen Liveaufnahmen.

Reed und Cale sprachen sich 1993 übrigens gegen eine Teilnahme des vormaligen Cale-Ersatzes Doug Yule an der Tour aus. Nicht überraschend, jedoch schade, denn Reed hatte Cale 1968 gefeuert, Yule geholt, sich mit ihm später wegen dessen überhand nehmenden Einflusses überworfen, was schließlich 1970 zu Reeds Ausstieg führte und Yule zum faktischen Leader der Band bis zu deren Ende nach dem Flop "Squeeze" von 1973 machte. Auf "Squeeze" war neben Yule und einem Bassisten nur Ian Paice von DEEP PURPLE zu hören. Die Anwesenheit Yules hätte die Reunion mit Sicherheit noch spannender gemacht und aller Wahrscheinlichkeit nach auch bereichert. Die Egos der anderen Herrschaften waren stärker. Yule tauchte nach seiner Zeit bei V.U. bei Elliott Murphy auf. Die Kreise schließen sich doch immer wieder.

"Velvet Redux Live MCMXCIII" zeichnet sich nicht durch farbenfrohe Lichtshows und explodierende Musiker aus. Naturgemäß ist die Performance dunkel, statisch und wenig spektakulär. Dafür kann man eine unfassbar stoisch vor sich hin steh-trommelnde Maureen Tucker bestaunen, die auch in ihrem fünfzigstem Lebensjahr noch eine des Singens nicht mächtige Teenager-Nymphe in I'm Sticking With You gab. Große Klasse, viel Mut und für Moe bestimmt eine Mordsgaudi.
Morrison bekam einen seiner wenigen Solospots bei Rock'N'Roll, das denn auch zum Finale Furioso des Zusammenschnitts läutete. Wenn man jemals von manischem Rock & Roll sprechen kann, dann bei einigen Songs der Velvets respektive Lou Reeds. R'N'R gehört dazu, genau so wie das Luder Sweet Jane, hier locker-flockig hingefetzt, und natürlich I'm Waiting For The Man. Erschreckend und gleichzeitig unendlich erleichternd, dass aus einem (1) gehämmerten Pianogriff, einer (1) Trommel und einem (1) Simpel-Riff ein solches All-Time-Monster entstehen kann.

Für Fans von VELVET UNDERGROUND und Lou Reed ist "Velvet Redux Live MCMXCIII" sowieso Pflicht. Für diejenigen, die meinen, nicht all zu schweren, Ausführungen folgen konnten, sollte es das auch sein. Geile Band, geile DVD.

Regionalcode: 2, 3, 4, 5
Bild: NTSC 4:3, PAL (gut)
Ton: L-PCM Stereo (gut)

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.02.2006

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