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Endless Wire

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Endless Wire
Endless Wire, Polydor/Universal, 2006
Pete Townshend Acoustic & Electric Guitars, Lead Vocals, Mandolin, Banjo, Drums
Roger Daltrey Lead Vocals
Pete Palladino, Stuart Ross Bass
Zak Starkey, Peter Huntington Drums
John Rabbitt Bundrick Hammond Organ
Simon Townshend, Billy Nichols 12-String Acoustic
Produziert von: Pete Townshend Länge: 52 Min 51 Sek Medium: CD
1. Fragments11. Pick Up The Peace
2. A Man In A Purple Dress12. Unholy Trinity
3. Mike Post Theme13. Trilby's Piano
4. In The Ether14. Endless Wire
5. Black Widow Eyes15. Fragments Of Fragments
6. Two Thousand Years16. We Got A Hit
7. God Speaks Of Marty Robbins17. They Made My Dream Come True
8. It's Not Enough18. Mirror Door
9. You Stand By Me19. Tea & Theatre
10. Sound Round

Sollte man sich jetzt auf das neue Opus der WHO freuen? Ich schätze, ich war nicht der einzige, der der Veröffentlichung von "Endless Wire" ein wenig skeptisch gegenüberstand. Was mag nach 24 Jahren Plattenpause (letzte Veröffentlichung 1982, "It's Hard") in Townshends Komponistenkopf herangereift sein? Seine Solo-Outings der letzten Jahre zumindest erschienen wenig prickelnd. Dann schockte zudem noch John Entwistles Tod im Juni 2002. Die Kinderporno-Attacke, ach, vergessen wir es lieber...
Momentan soll nur "Endless Wire" Gesprächsstoff bieten.

Und "Endless Wire" bietet in der Tat eine Diskussionsbasis. Wann hat Pete Townshend zuletzt so gute Songs geschrieben? Wann hat eine WHO-Platte zuletzt so gut geklungen? Wann hat Roger Daltrey zuletzt so gut gesungen? Irgendwann in den Siebzigern schätzungsweise.
Das neue WHO-Album wird seine wahre Kraft wohl erst in einigen Wochen entfalten, nach dem zehnten oder fünfzehnten Hören. Doch die ersten paar wenigen Durchläufe vermitteln schon diese durchschlagende Magie, die eben nur drei oder vier anderen WHO-Platten zu eigen ist.
Insbesondere der zweite Teil der Scheibe, die Townshend'sche Mini-Oper "Wire & Glass" erinnert in Stimmung und Umsetzung ein wenig an "Quadrophenia". 10 Songs, alle kurz und knapp (meist nur 2 bis 3 Minuten), die durch einen textlichen roten Faden zusammengehalten werden und musikalisch auf meist recht hohem Niveau balancieren. Es geht um die imaginäre Geschichte einer Rock-Band, deren Werdegang aber durchaus als Synonym für THE WHO's Historie betrachtet werden darf. Im Grunde gibt's hier gar keinen Ausfall, sondern eher noch recht potente Überraschungen, wenn sich Old Pete in Trilby's Piano als jazztrunkener Crooner versucht und, erfreulicherweise, die Klippen unbeschadet umschifft.
Richtige Ohrwürmer gibt's ebenfalls: Pick Up The Peace, mächtig rockend und We Got A Hit, samt kurzer BEACH BOYS-Verneigung im Chorus.
Am Ende werden die Jungs gar richtig sentimental, um nicht zu sagen pathetisch, wenn Roger Daltrey mit einer umwerfenden Gesangsperformance das Wellental des Lebens in aller gebotenen Kürze resümiert. Großartig, sehr ergreifend.

In all diesem Mini-Opern-Überschwang hab ich jetzt glatt vergessen, auf den ersten Teil dieses alles in allem sehr zufriedenstellenden Albums einzugehen: "Endless Wire" beginnt unverschämterweise mit einer Baba O'Riley-Reminiszenz. Da dudelt uns doch tatsächlich die kleine Schwester dieser guten alten Synthie-Sequence entgegen, ehe uns Pete ein paar Trademark-Townshend-Gitarrenakkorde entgegenschmettert.
Das Schöne an Part 1 ist die gelegentlich Folkaffinität der Protagonisten. Pete zückt des öfteren die Akustische, zwirbelt hie und da auf der Mandoline und pluckert mit dem Banjo. Sehr ausgewogene Unterhaltung.
Titel 4, zunächst ein kleiner Schock: der Sänger auf In The Ether scheint weder Pete noch Roger zu sein. Klingt irgendwie nach einem Tom Waits-Coversänger. Irgendwann hört man doch Townshends Timbre heraus und beginnt durch die Akkorde zu trudeln, denn der Track verströmt eine packende, düstere Stimmung.
Stichwort Folk: God Speaks Of Marty Robbins gehört wohl mit zu den gelungensten Townshend-Songs ever. Der Meister singt selbst, eindringlich und gut wie selten.

Das Warten hat sich also gelohnt. Viele Höhepunkte, kaum Ausfälle. Wir sollten froh sein, dass uns Townshend und Daltrey noch einmal so ein feines Album wie "Endless Wire" beschert haben. In meiner persönlichen Rangfolge würde ich diesen Neuling ganz spontan direkt hinter "Who's Next" und "Quadrophenia" einreihen. Doch lassen wir dem Album noch ein wenig Zeit zu reifen.

Frank Ipach, (Impressum, Artikelliste), 25.10.2006

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Weihnachtsfrieden? Pffft. Komm her, du missratener Kommerzengel, dann kriegst du eine gescheuert, dass dir die angepappten Flügel abfallen. Wer hat dir denn ins Ohr geflüstert, dass die Welt unbedingt ein neues Album von THE WHO unterm schändlich gemeuchelten Tannenbaum haben will? Du Osterhase, du zusammengeschusterter. Vermutlich hast du dem Daltrey auch noch den Schnaps gegeben, der in so abgefuckt klingen lässt wie auf In The Ether. Und überhaupt, Roger Daltrey. Bitte, wer will diesen alten Mann krächzen hören? Roger Daltrey gab früher doch den immerjungen Beau, der mit blondem Wallehaar jedes Rockhorse geritten und vor Urzeiten etwas von "hope I die before... die Monatskarte verfällt" geshoutet hat - was selbstverständlich nicht wörtlich zu nehmen war, aber wenn sogar die wildesten der Wilden heute wie Schwiegermamas Lieblinge klingen, muss etwas schiefgegangen sein. Keinesfalls ist es der stimmlich offenbar schwer gebrechliche und intonationsschwache Chansonier aus dem Song Trilby's Piano - falls das absichtlich so wackelig gesungen ist, entgeht einem der Hintersinn der Sache. Niemals ist das der selbe Mikrophonschwinger. Aaaah, gottseidank, es ist ja Townshend, der bei diesen beiden Fehlschüssen röchelt.

Als wir 1978 vor dem Plattenspieler saßen und "Who Are You" lauschten, erkämpfte sich eine ziemlich erwachsene Band mit etlichen überwältigenden Kompositionen, durchgehender Geschmackssicherheit und Keith Moon am Schlagzeug zum letzten Mal einen Punktsieg gegen die nachrückende Flut der juvenilen Krawallbrüder. Nebenbei wischten sie die Versuche anderer Dinosaurer wie LED ZEPPELIN ("In Through The Out Door" rohrkrepierte ein knappes Jahr später) oder der STONES (mag sich noch jemand an das Disco-Gequietsche auf "Some Girls" erinnern?) zwar nicht mit Leichtigkeit aber mit Bravour vom Tisch. Doch dann kam es zu jenem verhängnisvollen Fehler, den Page und Plant zum Glück nie begannen haben: THE WHO lösten sich nach Moons letztem Schluck aus der Flasche nicht auf und persiflieren sich seitdem in unregelmäßigen Abständen auf den bestbezahlten Bühnen der Welt immer und immer wieder selbst.
Folgerichtig kam es jetzt zum unvermeidlichen Gau, und sogar nach dem Dahinscheiden des Mannes den sie "The Ox" nannten, trauten sich die Hinterbliebenen, also Daltrey und Pete Townshend, noch unter dem alten Bandnamen ins Studio um "Endless Wire" aufzunehmen.
Bevor die Schreie erklingen: AC/DC haben ebenfalls nicht aufgehört, aber die blieben auch mit neuem Sänger für weitere gute 2 Jahrzehnte laut, geil und unterhaltsam. DAS ist der Unterschied, lieber Leser.

Man muss eines klarstellen: Stände "Endless Wire" unter dem Namen THE TOWNSHEND DALTREY PROJECT im Laden, niemand dürfte sich darüber aufregen. Im Gegenteil, vielleicht sogar freuen, denn Townshend sind einige wirklich schöne Songs gelungen und unter anderem Banner wären die Eigenplagiate aus der Vergangenheit direkt amüsant. Aber will man von einer THE WHO-Rumpfband gestelzte Versatzstücke aus Who Are You, Baba O'Riley oder Won't Get Fooled Again hören?
Außer Zweifel steht natürlich die nach wie vor vorhandene Intensität und phasenweise sogar Brillanz in Daltreys Stimme. Jedoch passt nach Knopfler klingende Altersweisheit nicht mit einem 100%-Rocksänger dieses Formats zusammen - also lieber zum alten Fundus gegriffen und Dylans Forever Young geträllert.
Wehmut macht sich breit angesichts des Fehlens einer wirklich zupackenden Gitarre und leichter Verdruss schleicht sich ein, wenn wahlweise Zak Starkey oder Peter Huntington Wind am Schlagzeug machen wollen. Scheppernde Becken (oder sind sie einfach nur schlampig geschlagen?) ersetzen beileibe noch keinen Keith Moon! Dennoch, "Face Dances" und "It's Hard" waren wesentlich furchtbarere Ergüsse.

Was kann man Townshend vorwerfen? Dass er nicht endlich aufhört vielleicht. Dass er nicht mehr hören kann, dass die Welt sich seit seinen unsterblichen Großtaten weiterentwickelt hat - wobei seine Taubheit wirklich bemitleidenswert ist. Dass "Endless Wire" den WHO nicht gerecht wird. Dass er mit diesem Projekt dem Untergrund Kaufkraft entzieht. Und, am schlimmsten, dass dem ewiggestrigen Konsumenten nicht endlich der Garaus gemacht wird. Andererseits..., vielleicht kann er der Welt doch noch etwas geben. Das ansonsten eher mühsame Fragments Of Fragments taugt wenigstens als Soundtrack für die Schwangerschaftsgymnastikgruppe. "Breathing out, breathing in..."

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.12.2006

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