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Alvin Lee

Saguitar

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Saguitar
Saguitar, R.A.R.E. Records, 2007
Alvin Lee Vocals, Guitars, Bass, Drums & all other instruments
Gäste:
Tim Hinkley Keyboards
Trevor Morais Snare Drum (Midnite Train)
Eugen Fritz Second Harmonica (Smoking Rope)
Produziert von: Alvin Lee Länge: 53 Min 47 Sek Medium: CD
1. Anytime U Want Me8. Got A Lot Of Living To Do
2. The Squeeze9. Blues Has Got A Hold On Me
3. It's Time To Play10. It's All Good
4. Midnite Train11. Education
5. Motel Blues12. Rapper
6. Only Here For The Ride13. Smoking Rope
7. Memphis14. Rocking Rendezvous

Ist Alvin Lee jetzt endgültig ein einsamer alter Mann? Oder warum spielt er sein nicht besonders sehnsuchtsvoll erwartetes neues Album quasi im Alleingang im eigenen - ganz bestimmt spartanischen - Häuschen ein? Ist Tim Hinkley, der Keyboarder, sein letzter Freund, außer dem alten Blues natürlich?
Alvin Lee ist einer der wenigen Helden, die noch immer großzügig von längst vergangenen Woodstock-Meriten leben, sein Schaffen in den letzten knapp 35 Jahren darf trotzdem kritisch gesehen werden und das Schweigen seiner ehemaligen Kollegen von TEN YEARS AFTER sagt über ihn mehr aus als die geschönten Biographien. Ach ja, die neue CD heißt "Saguitar", ein Name, den Lee bereits 1976 für ein nie veröffentlichtes Album verwenden wollte. So viel zur musikalischen Weiterentwicklung - und nun: I'm going home, oder?

Alvin Lees Solowerke nach der ersten Auflösung der originalen T.Y.A. waren immer geprägt von Tiefen und Höhen. Lauwarmes Zeug wie "Pump Iron" (1975) wechselte mit grandiosem Heavy-Bluesrock (TEN YEARS LATER, "Rocket Fuel", 1978), lustlosem Heavy-Bluesrock (T.Y.L., "Ride On", 1979) oder Boogie-Highlights ("RX5", 1981, "Detroit Diesel", 1986). Die Reanimation von TEN YEARS AFTER brachte zwar die anständige LP "About Time" (1989) zustande, aber live ging nicht mehr viel, die Stimmung in der Band war vergiftet, die Tourneen wurden von mal zu Mal öder. Und seitdem bewegte sich Mr. Lee auf einem erschreckenden Niveau als Selbstplagiat, dem die Elvis-Oparevue "Alvin Lee In Tennessee" im Jahr 2004 endgültig jede Reputation als Rock'n'Roll Guitar Picker (von "RX5") zu nehmen schien. Aber er ist immer noch da und immer noch kann er es, wenn er sich bisweilen zusammenreißt. Da entschleunigt er beispielsweise das anfangs banal vor sich hin tröpfelnde Rocking Rendezvous mit einem seiner ganz ureigenen Riffs und jammt es damit bis ganz nahe an den Siedepunkt. Davon möchte man mehr, aber da ist die CD schon vorbei.

Einen Vorteil hat die Arbeit ganz alleine im Heimstudio: Der Chef muss keine subordinierten Trommler und Bassisten in die Schranken weisen, er muss sich nur selbst in den Hintergrund mischen und kann unangefochten seinen Guitarherostatus genießen. Außerdem ist Lee kein wirklich guter Schlagzeuger, es macht also nicht so viel aus, wenn man ihn im eigentlich fetzigen Opener Anytime U Want Me kaum hört. Was muss der Mann mit Ric Lee bei T.Y.A. und noch schlimmer mit dem Mega-Haudrauf Tom Compton bei T.Y.L. gelitten haben. Andererseits krankt eine Rock-Platte durchaus, wenn's aus der Rhythmusabteilung nur klöppelt. Immerhin spielt er einen annehmbaren 08/15-Bass, so dass "Saguitar" nicht zum Desaster wird. "Saguitar" ist übrigens das Ergebnis aus Sagittarius (lateinisch für das Sternkreiszeichen Schütze) und, Überraschung!, Guitar.

Die Stimme ist noch voll da, damit kann Lee wie seit Menschengedenken punkten, und wenn er zwischendurch Rocker wie Got A Lot Of Living To Do oder Only Here For The Ride aus dem Ärmel zieht, pumpt und stampft die Chose absolut erfreulich dahin - man muss nur richtig laut aufdrehen. Selbst simple Rock'n'Roller wie It's Time To Play können überzeugen, auch wenn sie im Grunde altbacken wie Brötchen von vorletzter Woche sind. Schwieriger wird's bei Fifties-Swing wie Midnight Train oder Memphis und Ich-bin-ein-armer-Rockstar-Geheule à la Motel Blues. Derlei gibt es von Gary Moore schon mehr als genug.
Alvin Lee ist keiner Innovation verdächtig, macht einfach was er schon immer getan hat und er wird sich auch in diesem Leben nicht mehr ändern. Wenn er die Gitarre anzündet ist alles gut, sogar das eine oder (fast) noch nie gehörte Lick ist dann zu bejubeln, wenn er aber zu sehr in sich selbst versinkt, wird man das unangenehme Gefühl nicht los, dass man es mit einem Fossil zu tun hat. Glücklicherweise haben die lebendigen Momente auf "Saguitar" die Überhand, auch wenn die Soli lang nicht mehr so schnell abgefeuert werden wie früher. Dafür schafft er eine nette Schunkel-Nummer wie It's All Good, die vermutlich schon einige Jährchen in der Schublade lag, oder einen typischen Lee-Anschieber wie Education.
Spaßig ist der Loop-Rocker Rapper. Old Alvin hantiert ein wenig mit der Elektronik, sprech-rappt vor sich hin und haut seine Gitarre drüber. Zur Konkurrenz von 50 Cent wird er zwar nicht, aber dem Hörer tut die Abwechslung gut.

Mit ein bisschen mehr Zunder wäre "Saguitar" tatsächlich in die Reihe mit "RX5" und "Detroit Diesel" zu stellen, aber damals hatte er noch richtige Musikerkollegen um sich. So ist es eine anständige CD geworden, die die verbliebenen Fans brav kaufen werden, damit sie sich danach endlich wieder Love Like A Man und Choo Choo Mama auflegen können. Hach, früher war einfach alles besser. Oder?

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 03.02.2008

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