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Bob Dylan

Together Through Life

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Together Through Life
Together Through Life, Sony Music/CBS, 2009
Bob Dylan Guitar, Keyboards, Vocals
Mike Campbell Guitar, Mandolin
David Hildago Accordion, Guitar
Donny Herron Steel Guitar, Banjo, Mandolin, Trumpet
Tony Garnier Bass
George Recile Drums
Produziert von: Jack Frost Länge: 45 Min 33 Sek Medium: CD
1. Beyond Here Lies Nothin'6. Jolene
2. Life Is Hard7. This Dream Of You
3. My Wife's Home Town8. Shake Shake Mama
4. If You Ever Go To Houston9. I Feel A Change Comin' On
5. Forgetful Heart10. It's All Good

Die neue Dylan? Immer wieder Anlass zu Spekulationen, Fachsimpeleien oder Selbstbeweihräucherung von selbsternannten Dylanologen und Feuilletonisten, die es immer schon gewusst haben, dass die "neue Dylan" wieder ein Meilenstein des krächzenden Songwriters aus Duluth/Minnesota werden wird...

Da Online-Magazine leider von den Majors zunehmend nur noch online bemustert werden, war es für mich (als eingeschworenen Dylan-Fan seit ungefähr 3 Jahrzehnten) natürlich keine Alternative über irgendwelche downgeloadeten Digital-Tracks meine Meinung abzugeben. Hier musste das Original her - und so stand ich am 24.4., dem Erscheinungsdatum des neuen Albums, morgens beim Elektronikmarkt und kaufte neben Fön und USB-Stick gleich noch Mr. Dylans neuestes Werk, und zwar - ich bin ja nicht blöd - gleich in der Deluxe-Edition mit nettem Aufkleber, Poster und zwei audiophilen Beigaben zur CD: eine DVD mit einem "verschollenen" Interview mit Roy Silver, dem ersten Manager Dylans, der sich noch vor Dylans großem Durchbruch von Albert Grossmann aus dem Vertrag rauskaufen lies - und einer CD, die eine absolut unterhaltsame Radioshow - hosted by Bob Dylan - enthält.
Als ich die CD-Box in der Hand habe, fällt mein Blick unweigerlich auf die FSK-Altersfreigabe: "Ab 0 Jahre" steht dort! Soll das heißen, dass seine Songs jetzt endlich zur musikalischen Früherziehung eingesetzt werden dürfen? "Da seien Zuckowski, Müllerbauer und sämtliche Orffschen Instrumente davor!", höre ich entsetzte Erzieherinnen aufschreien. Aber warum eigentlich nicht? Mir ist zumindest ein Fall (hallo Sarah!) bekannt, wo der heranwachsende Erdenbürger schon im Mutterleib live mit guter hausgemachter Amerikana-Musik beschallt wird - yeahio! Aber egal, soll doch jeder seine Dylan-Songs hören wo und wann er will - Hauptsache er hört sie!
Mein Blick geht weiter auf das Coverfoto, bei dem ich mir ein kleines Lachen nicht verkneifen kann. Denn dieses Road-Movie-Motiv zeigt mir, dass der alte Herr sich wohl noch nicht damit abgefunden hat, dass die Roaring Sixties allemal Geschichte sind. Mag er noch so lange seine Never-Ending-Tour um den Globus veranstalten, sie ist nicht mehr mit dem vergleichbar, was er mit der "Rolling Thunder Review" in den Siebzigern oder den wilden Town-to-Town-Konzertreisen mit dem Auto kreuz und quer durch die USA auf Jack Kerouac und Woody Guthries Spuren veranstaltet hat. Und doch drückt sie eine tiefe Grundstimmung des neuen Albums aus: Es sind tatsächlich alles irgendwie Road-Songs, die Bob Dylan uns da serviert.

Und so klingen sie auch! Seit Dylan sich unter seinem Alter-Ego Jack Frost selber produziert, hat er einige Alben vorgelegt, die mit zum Besten gehören, was er je in seiner Laufbahn auf Platte gebannt hat. Doch gerechterweise muss man sagen, dass der Einfluss von Daniel Lanois, der ihn 1989 mit "Oh Mercy" erfolgreich aus der Produzentensackgasse wieder auf den Arrangement-Highway lotste, auch auf "Together Through Life" spürbar ist. Und Dylan macht keine Experimente mehr: Seine Tourband, mit denen der ehemalige Messias des Folk-Rock wie Jesus in seinen Wanderjahren um den Globus trottet, ist inzwischen so fest mit ihm verwachsen, dass sie im Blindflug ins Studio gehen können. Für das aktuelle Album hat sich Bob Dylan dennoch zwei weitere Musiker geholt, die den Sound erheblich prägen: David Hidalgo (LOS LOBOS) und Country-Picker Mike Campbell.
Herausgekommen ist ein musikalischer Cocktail zwischen TexMex, Zydeco, Country-Songs und Chicago-Blues - mal rattert Dylan stampfend über den Highway, mal hockt er in den Sümpfen Louisianas, kurz darauf sattelt er den Mustang und reitet zur längst verflossenen Liebe um ihr am Totenbett noch eine Ballade auf der knarrenden Veranda zu singen. Dabei bewegt er sich stets am Rande der seichten Musikunterhaltung - Gott bewahre nicht so wie auf "Self Portrait"! - doch eine Spur Dean Sinatra oder Frank Martin haben sich schon in seine verrosteten Stimmbänder geschlichen. Man wird halt etwas romantischer mit den Jahren.

Der Einstiegssong Beyond Here Lies Nothin' hat jenen typischen Chicago-Sound eines B.B. King, vermischt mit der Leichtfüßigkeit einer New-Orleans-Zydeco-Kapelle. Bei Life Is Hard schmilzt seine Rabenstimme zwischen Mandolinen und sanften Gitarrenklängen wie die Eiswürfel im Tequilaglas. Bluesig-straighter beschreibt er die fiktive Heimat seiner Liebsten: My Wife's Home Town - Howlin' Wolf und Little Walter lassen grüßen, allerdings mit Akkordeon statt Harmonica-Klängen.
If You Ever Go To Houston klingt verdächtig nach Heu und Tanz auf der Tenne, Forgetful Heart ist ein Song in Dylans eigener Tradition seit Cold Iron Bound, Jolene dagegen einfach nur netter Abgeh-Rockabilly-Dorf-Rock.
Richtig süßlich und zum Schunkeln ist mir bei This Dream Of You zumute - Hüttenzauber meets Greenwich Village. Da ist Shake Shake Mama schon straighter, wenngleich es plagiatverdächtig ist, wie oft Dylan sich manchmal selber kopiert.
Ob er sich bei I Feel A Change Comin' On in Barack-Obama-Fahrwasser verliert, oder einfach nur seinen eigenen Weg, wie schon bei Sweetheart Like You oder Tryin To Get To Heaven gemütlich weitergeht, sei dahingestellt. Songs wie dieser gehören zu den Highlights des Albums - besonders hörenswert das musikalische Duett von Akkordeon und E-Gitarre! Zum Schluss siegt der Country-Folk-Blues (allerdings wieder mit aufdringlichem Zydeco-Schlag): It's All Good ruft uns Mr. Dylan mit dem letzten Track des Albums zu. Glauben wir es ihm einfach mal.

Dylan ist zur Erscheinung seines neuen Albums - 4 Wochen vor seinem 68. Geburtstag - wieder irgendwo in der Weltgeschichte zu einem Konzert unterwegs. Wahrscheinlich ist ihm der ganze Promo-Rummel eh egal - er hat mit "Together Through Life" wieder eine wage musikalische Standortbestimmung abgegeben, lässt seine Rabenstimme krächzen wie nie, ist endlich alt genug um mit den Vorbildern seiner Jugend, den alten Blues-Veteranen mitfühlen zu können was es heißt, den Blues in seinen Knochen zu haben und immer wieder rauslassen zu müssen. Textlich hat er sich erstmals seit längerer Zeit mal wieder Hilfe geholt und die meisten Lyrics zusammen mit Robert Hunter verfasst. Auch in seinem Alter ist er noch bereit zu lernen, und gesteht uns in einem seiner neuen Songs: "I listen to Billy Joe Shaver und read James Joyce". Also nix zu spüren von Senilität oder Altersstarrsinn. Dylan saugt immer noch Neues auf, verlässt sich aber zunehmend auf die Wurzeln, die sein Leben prägen. Und er gibt diese Erfahrung gerne weiter: In der "Theme Time Radio Hour"-CD, die dem Deluxe-Package beigefügt ist, erleben wir einen Dylan, der als äußerst charmanter und gebildeter Moderator den Hörern eine Stunde lang teils obskure, teils seltene Vinyl-Schätzchen zum Thema "Friends & Neighbors" vorspielt, gespickt mit intellektuell hochwertigen Zwischenansagen - halt so ein Programm, wie es hierzulande nicht mehr zu hören ist, seit Volker Rebell und Gerd Birsner nicht mehr on air sind.

"Together Through Life" zeigt Bob Dylan so, wie er sich schon Ende der Siebziger gegenüber Journalisten bezeichnete, als "Song and Dance Man". Es ist ein nettes Stück Musik, geprägt von endlosen Highways, kantiger Lebenserfahrung und einer Stimme, die mit zunehmendem Alter immer glaubwürdiger die Botschaft der alten Blueser rüberbringt, nämlich, dass Musik in erster Linie etwas mit Gefühl zu tun hat.

Volker Gruch, (Artikelliste), 30.04.2009

Für die kulturhistorische Bewertung des neuen Dylan-Albums sind beileibe andere Vordenker zuständig - und die sind auch seit Tagen fleißig am Werk. Sagt der eine, dass "Together Through Life" ein unvergleichliches Meisterwerk ist, meint der andere, dass das Coverbild wohl eine bewusste Provokation und Botschaft sei (in Wahrheit ist das Bild des Fotografen Bruce Davidson aus dem Jahr 1959 nichts weiter als feine Fotokunst), wirft der nächste ein, dass Dylan im Alter die Liebe für sich entdeckt hat. Der großartige Journalist Willi Winkler rückt "Together Through Life" in der Süddeutschen Zeitung gar in die Nähe eines Weltwunders: "…'Together Through Life' ist trotz ihrer exzellenten Vorgänger das Beste, Schönste und Größte, was der Meister in den letzten dreißig Jahren seinem Publikum ausgeliefert hat", schreibt Winkler, gleichwohl er die allerorten vorab ausgespieenen Lobpreisungen gar nicht schicklich findet. Er konstatiert gar, dass Dylan nun "endlich in der Liga von Howlin' Wolf, von Muddy Waters, von Willie Dixon angekommen" sei. Aha. Aber ist das nicht unfair? Die drei waren schwarze Blueser, sind unglücklicherweise längst tot und können der Musikgeschichte so gar nichts mehr hinzufügen. Schreibt man dem großen Bob damit nicht schon etwas wie einen Nachruf, wo er doch seit zig Jahren produktiv wie ein junger Hüpfer ist? Und erst die Diskussionen in den Foren… oh weh. Am Schluss steht fast immer ein Totschlagargument wie "er wird sich schon etwas dabei gedacht haben" - ein beliebter Satz aller Dylanologen, die sich seit Menschengedenken mit dem Mysterium "Dylan und seine Message" beschäftigen. Vielleicht liest der alte Mann manche dieser Deutungen und lacht sich dabei einen Ast, man weiß es nicht, aber auch dieses Rätsel gäbe Stoff für viele Diplomarbeiten.
Eher fragwürdig erscheint die Einbindung der BILD-Zeitung in den Prä-Veröffentlichungsrummel, sogar die singende Warze Maffay darf dazu einen sprachlichen Fliegenschiss abgeben. Ganz sicher haben sich viele schreibende Kollegen in ihren Vorabreviews auf die von der Plattenfirma bei zum Beispiel Bild.de zur Verfügung gestellten Streams verlassen - man will schließlich der erste sein, der das ach so wichtige neue Album des wichtigsten Protestsängers aller Zeiten philosophisch aufarbeitet. Das lässt man sich gerne auf de Zunge zergehen: Der Protestveteran Dylan exklusiv in der BILD. Juhu.
Ganz besonders entlarvend für das publizierende Volk ist folgender Satz: Die Platte wurde eingespielt von Dylans Tourband und einigen Gästen. In 98 ½ von 100 Besprechungen taucht dieser Satz auf (nur Willi Winkler wandelt ihn wortgewandt leicht ab und ein Könner aus Bremen geht bei Amazon überhaupt nicht darauf ein), er wurde nämlich genau so von der Plattenfirma vorgegeben. Ist denn die Tourband eine namenlose Masse? Sind das so schlechte Musiker, dass man ihre Namen nicht nennen muss? Ach so, keiner der Weisen aus dem Schreiberland kennt die Tourband. Na dann. Da fällt einem Sascha Gutzeits Resignationsballade Ich bin die Vorgruppe ein. Können wir nun über die Musik auf "Together Through Life" sprechen?

Es ist Folk, Tex-Mex, dezenter Rock & Roll, eindrücklich und manchmal (If You Ever Go To Houston) langweilig geprägt von David Hidalgos Akkordeon, in aller Regel kunstvoll und bisweilen aufdringlich verziert von Mike Campbells Gitarre, durchgehend veredelt von Jack Frosts Produktion. Ja doch, Jack Frost ist Dylan, das wissen wir alle längst. Dabei kommen so schöne Groover wie Jolene heraus, allerdings auch nervende Endlosschleifen wie das genannte If You Ever Go To Houston. Stimmlich ist der Einzigartige vollkommen auf der, ähm, Höhe, man versteht ihn halbwegs und erfreut sich am Gekrächze, also nicht mehr oder weniger als in all den Jahren zuvor.
Was sollte man am Mariachi-Gegeige in This Dream Of You und einigen anderen Songs kritisieren? Das ist doch okay, hat Stil und erreicht in manchen Momenten die professorale Qualität eines Ry Cooder. Der Opener Behind Here Lies Nothin' lässt einen gar verschämt das Tanzbein schwingen. Tanzen zu Dylan ist gesellschaftlich etwa so hoch angesehen wie Lachen über Mario Barths Flachwitze. Wenn nun noch jemand die kryptische Zeile "I get the blues for you baby…" aus Shake Shake Mama entschlüsselt, ist die Welt für alle in Ordnung.

Mal ehrlich, muss man denn in alles von Bob Dylan gottweißwelche Bedeutungen hineininterpretieren? Reicht nicht die schlichte Erkenntnis, dass "Together Through Life" ein vollkommen unspektakuläres aber hübsches Werk eines 68jährigen früheren Wegweisers populärer Musik ist? Welches Lied dieser Platte könnte so oft gecovert werden wie beispielsweise It's All Over Now..., Like A Rolling Stone, Knockin' On Heaven's Door oder All Along The Watchtower? Keines. Das zur Relevanz einer Dylan-CD im Jahr 2009. Also kommt mal wieder alle runter vom künstlich erzeugten Erregnungsgrad, der Hype um Bob Dylan und "Together Through Life" ist ein ganz und gar unnötiger Sturm im Wasserglas, der einzig zum gesteigerten Umsatz der Plattenfirma erzeugt wurde, nachdem der Vorgänger "Modern Times" in Amerika völlig überraschend #1 der Verkaufscharts avancierte. Sei es allen beteiligten Parteien gegönnt, aber lasst die Musikfans in Ruhe mit diesem Wirbel, die wollen einfach nur gute Musik hören. Die kriegen sie hier weitgehend, mehr aber auch nicht.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 26.04.2009

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