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| Love & War, J Records/Sony Music, 2009 |
| Daniel Merriweather |
Vocals |
| Produziert von: Mark Ronson |
Länge: 44 Min 01 Sek |
Medium: CD |
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| 1. For Your Money | 7. Could You |
| 2. Impossible | 8. Not Giving Up |
| 3. Change [Explicit] (feat. Wale) | 9. Getting Out |
| 4. Chainsaw | 10. Water And A Flame (feat. Adele) |
| 5. Cigarettes | 11. Live By Night |
| 6. Red | 12. Giving Everything Away For Free |
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Neulich in Berlin. Ich bin in einem der großen Elektronikfachmärkte unterwegs, checke die Sonderangebote, arbeite mich durch die CD-Regale, stöbere in den DVDs. Plötzlich merke ich, dass ich mit dem Kopf nicke. Wieso nicke ich mit dem Kopf? Könnte das an der Hintergrundmusik liegen? Sehr unwahrscheinlich, fast unmöglich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auch nur einmal in einem dieser Märkte unterwegs war, ohne mich darüber zu ärgern, dass sie hier immer nur den schlimmsten Mist spielen. Und jetzt nicke ich den Rhythmus mit? Was genau ist das eigentlich für ein Lied? Genauer hinhören. Hmmm hmmm. Kommt mir die Stimme bekannt vor? Eher nicht.
Ich laufe hinüber zu der Box in der sich die Verkäufer bereithalten um loszustürzen, sobald ein Kunde Hilfe braucht. Ein kleiner Durchgang führt in die Box hinein. An der Wand hängt ein Schild auf dem steht: "Fragen Sie uns jederzeit. Wir helfen gerne!" Na wen das so ist. Nur ein Verkäufer ist in der Box. Er hat die größte Igelfrisur, die ich je gesehen habe. Er steht vor einem Computerbildschirm und klickt auf der Maus herum. Ich räuspere mich. Er reagiert nicht. Ich sage: "Ehm… könnten Sie mir bitte helfen?" Erst passiert gar nichts. Dann hört er auf herumzudrücken, langsam lässt er den Kopf sinken. Er schließt die Augen und schüttelt kaum merklich mit dem Kopf. Dann passiert nichts mehr. Vielleicht ist er müde? Ich warte etwas, dann sage ich: "Ehm…" Gereizt macht er die Augen wieder auf: "Was denn?" Er faucht. Ich sage: "Ähhhhh… Ich wollte nur… Welcher Künstler ist das denn?" Dabei zeige ich in die Luft.
Der Verkäufer hebt den Kopf ein Stückchen. Dann schüttelt er ihn wieder, stößt sich vom Tisch ab und stürzt aus der Box. Ich kann gerade noch ausweichen. Ich zögere kurz, dann gehe ich eilig hinter ihm her, weil er noch viel eiliger rennt. Ich hoffe er will nicht flüchten und fühlt sich von mir verfolgt. Schließlich kommt er an einem Regal an, hält ein oder zwei Sekunden inne, greift sich eine CD und kommt auf mich zu. Ich bin etwas außer Atem und konnte doch nicht ganz mit ihm mithalten. Er läuft an mir vorbei, ohne stehen bleiben, und klatscht mir die CD gegen die Brust. Ich bekomme sie gerade noch zu fassen.
Was ich in den Händen halte ist "Love & War" von Daniel Merriweather. Daniel Merriweather? Noch nie gehört. Was macht der? R&B? Hmmm hmmm. Aber seitdem das Teil erst einmal in meinem Player lag ist es dort nicht mehr heraus gekommen. Und das liegt nicht daran, dass ich Angst habe den psychopatischen Verkäufer zu enttäuschen.
Beim Hören fällt zuerst auf, dass Merriweather keine besonders schöne Stimme hat. Die Texte sind teilweise nicht besonders einfallsreich, teilweise etwas merkwürdig ("… now my clothes smell like cigarettes but I don't smoke at all…"). Die Stücke sind sehr unterschiedlich, die Arrangements teilweise recht komplex. Aber was aus diesem Album etwas Außergewöhnliches macht ist Merriweathers Gesang. Er ist schnodderig, schleift Worte, schnalzt und seufzt, wiederholt gerne dasselbe Wort vier- bis fünfmal und macht daraus eine Strophe, überzieht und verdreht und man würde sich fragen, was sich der Produzent dabei gedacht hat, wenn diese ich-war-mal-schnell-im-Studio-Attitüde nicht dadurch veredelt würde, dass Merriweather sich in jedem einzelnen Stück voll verausgabt. Er arbeitet sich ab, gibt alles, legt in jedes Wort Gefühl. Manchmal ist er im dritten Wort schon stärker als manch anderer beim finalen Höhepunkt des zentralen Stücks eines Albums - und er geht immer noch weiter. Er zieht die Stücke, es kann gar nicht schnell genug gehen. Manchmal gefällt die Melodie nicht, manchmal nervt der Text, aber wenn man sich auf Merriweathers Stimme konzentriert ist das alles vergessen.
Impossible ist für mich das stärkste Stück auf "Love & War" und somit seit dem 17. August auch die zweite Singleauskoppelung. Hier findet sich alles was dieses Album ausmacht: Ungewöhnliches Arrangement, merkwürdiger Text und das Gefühl, dass man aus dem Sessel gezogen wird. Am Ende der Zeilen Seufzer, ein Text der sich über sich selber beschwert ("… and I know, I said some corny lines…") und etwas holzhammermäßig wirkt ("… I would wait anywhere, I would go anywhere, I would walk anywhere…") und wenn Merriweather singt "cause there ain't nothing impossible", dann klingt das sauer, gereizt, Testosteron - Punktum und damit Basta.
Cigarettes hat eine starke Country-Färbung, Giving Everything Away For Free ist guter alter Herz-Schmerz-Soul, Change, die erste Singleauskoppelung, ist aus meiner Sicht das schwächste Stück mit einem ziemlich nervigen Synthiesound. Immer mal wieder, am stärksten bei Not Giving Up, scheint das gute alte Motown durch.
Fazit: "Love & War" ist nicht so brillant wie John Legend, es ist nicht so sexy wie Kanye West, es ist nicht perfekt und nicht visionär. Aber wenn man Daniel Merriweather nicht fühlt, dann fühlt man vermutlich gar nichts mehr. Wer sich auf R&B und Soul einlassen kann oder einfach nur mal hören will wie es klingt, wenn ein Mann es wirklich liebt zu singen, der wird hieran nur schwer vorbei kommen.
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