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| Kottan Mania - Ein Führer durch den Wahnsinn der Kultserie 'Kottan ermittelt' von Peter Patzak & Helmut Zenker, Panama Publications, 2007 |
| ISBN: |
9-783936732054 |
| Umfang: |
432 Seiten |
| Preis: |
19,80 Euro |
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Wer in den Siebzigern und Achtzigern keine Lust hatte über die humoristischen Tretminen eines Peter Frankenfeld oder gar die Körperverletzungen im Blauen Bock zu lachen, konnte im Fernsehen nicht besonders viel für sich entdecken. Neben Otto Waalkes' Blödeleien und dem entlarvend reaktionären Alfred Tetzlaff gab es lange Zeit nichts, bis Gerhard Polt das Spießervolk so bayrisch wie anarchistisch aufmischte. Man darf auch die Großtaten des Helmut Dietl nicht vergessen: "Münchner Geschichten", "Der ganz normale Wahnsinn", "Kir Royal" und natürlich "Monaco Franze" - alle geprägt von Dietls genialer Beobachtungsgabe und grandiosen Schauspielern. Und es gab den Österreichischen Rundfunk, dessen Sendeverantwortliche ganz offensichtlich einer subversiven Spaßguerilla entsprungen waren, produzierten sie doch tatsächlich nacheinander die köstliche Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" um den cholerischen Proleten Mundl Sackbauer und ab 1976 den als Krimiserie bezeichneten Wahnwitz "Kottan ermittelt". 19 Kottan-Filme sind entstanden, die es seit einiger Zeit endlich auf DVD gibt und deren Inhalt Thema des vorliegenden Buches "Kottan Mania" ist.
Im etwas sperrigen Untertitel heißt es "Ein Führer durch den Wahnsinn der Kultserie 'Kottan ermittelt' von Peter Patzak & Helmut Zenker". Und genau das ist dem Autoren Dieter Gölsdorf so brillant gelungen, dass man nach den knapp 430 Seiten unweigerlich die DVD-Kollektion erwerben muss - jedenfalls wenn man über den geistigen Brechdurchfall all der minderbegabten Privatsender-Comedians heutiger Tage ums verrecken nicht lachen kann.
Kottan hat damals polarisiert wie kaum eine andere Figur in den (öffentlich rechtlichen) Medien, und er tut dies auch heute noch. Entweder man kennt die Dialoge auswendig, bzw. holt es jetzt nach, oder man wendet sich entsetzt ab und hat keine Chance auf eine Freundschaft mit einem Kottan-Kenner. Da in allen Folgen (Rock-) Musik eine wichtige Rolle spielt, sollten unsere Leser sowohl für dieses Buch als auch die Filme bereit sein. Es tut auch nur ein ganz kleines bisschen weh, wenn man sich in die Finger beißt, um nur ja vor lauter Gelächter nicht den nächsten tödlichen Witz zu verpassen. Apropos tödlicher Witz. Den tödlichsten Witz der Welt hat bekanntlich Ernest Scribbler erfunden und nicht überlebt, für den Drehbuchschreiber Helmut Zenker und den Regisseur Peter Patzak waren die Irren aus der englischen Komikertruppe Monty Python sicher keine Unbekannten, aber Zenker und Patzak verpassten ihrer Erfindung immer einen unverwechselbaren Wiener Lokalanstrich. Ach ja, ein wenig sprachbegabt sollte man sein für den Major Kottan und seine Abenteuer, es gibt Dialekt und Schmäh aus dem ganz großen Fass.
Nun aber zu Gölsdorfs Buch. Der Verfasser der beiden Romane "Angst & Schrecken auf Formentera" und "Formentera Fieber" hat eine wahre Doktorarbeit geleistet, liefert detaillierte Besetzungs- und Mitarbeiterlisten, listet jedes gespielte Lied auf und seziert die einzelnen Folgen bis ins Kleinste. Nichts blieb ihm bei der Recherche und vermutlich dutzendfachen Ansicht der Filme verborgen, er gibt Hinweise auf spätere oder frühere Ereignisse, beschreibt unglaublich viele Kleinigkeiten, die den meisten Zuschauern verborgen geblieben wären, zieht Schlüsse und geizt auch nicht mit seiner eigenen Meinung, die ausschließlich positiv ist. Ein Fan. Die Geschichten werden anschaulich nacherzählt, es gibt unfassbar grenzwertige Dialoge zu bestaunen und die Figuren erscheinen auch dem Neuling wie alte Bekannte, nicht zuletzt durch die vielen Bilder. Ganz köstlich gemacht, Herr Gölsdorf.
Dieter Gölsdorf ist in Berlin geboren, hat seine Gitarrenzubehörfirma in Niedersachsen und ist trotzdem dem Humor der Wiener verfallen, was möglicherweise an seinem österreichischen Großvater liegt. Außerdem ist er Rock'n'Roller und kämpft gegen das Rauchverbot. Das sollte alle Fragen beantworten, außer man ist bescheuert wie der Dumpf-Polizist Schrammel oder man wird täglich von einem Kaffeeautomaten in den Irrsinn getrieben, wie es dem ohnehin psychopathischen Polizeipräsidenten Heribert Pilch widerfährt. Die beiden bekommen von Gölsdorf regelmäßig eigene Kapitel gewidmet, in denen ihre unsäglichen Katastrophen beinahe so lustig wie in den Filmen beschrieben werden. Kottans Gemüts- und Gefühlslagen werden ebenso ausgiebig geschildert, und die vielen Nebendarsteller, Täter, Opfer, Nutten etc. sind gekonnt erklärt. Keine leichte Aufgabe angesichts einer so abstrusen Langzeitserie und den zum Teil völlig surrealen Erzählsträngen der Filmemacher. Um Logik haben die sich nie gekümmert, im Vordergrund stand immer der unbedingte Wille zur völligen Zerstörung volkstümlicher Sehgewohnheiten. Die im Verlauf des Buchs abgedruckten Zuschauerbeschwerden sagen alles. Tenor: Die Darstellung der Polizei ist eine Schande für Österreich! Ja genau, dieses Land hatte kurz nach Kottans Ende bekanntlich auch einen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, dessen NS-Vergangenheit für weniger bürgerlichen Wirbel sorgte als eine - zugegebenermaßen vogelwilde - Fernsehserie.
"Kottan Mania" erläutert auch die vielfältigen Besetzungswechsel (es gab alleine drei Kottan-Darsteller) und die sporadisch erscheinenden Charakterköpfe, die teilweise als völlig unterschiedliche Figuren oder vollkommen ohne jeden Zusammenhang zum Filmgeschehen auftauchen (Otto Grünmandl, "Der dritte Mann", Christiane Rücker, Eddie Constantine, Eddie Arent u. v. a.). Nur eines gelingt nicht immer: Die schriftliche Darstellung der in teils derber Mundart vorgetragenen Dialoge könnte echten Wienern manchmal quer im Hals stecken bleiben. So mancher "Spezialausdruck" schreibt sich einfach anders. Aber dies sind kleine Lässlichkeiten, die angesichts des Gesamtwerks unerheblich sind. Beinahe unverzeihlich ist hingegen, dass der Bruder des dritten, besten und letzten Kottans (Lukas Resetarits), nämlich Willi Resetarits, für tot erklärt wird. Das ist falsch, denn: Dr. Kurt Ostbahn lebt! Aber wer ihn kennt wird wissen, dass er über so ein Missgeschick nur ein Witzchen reißen würde. Kann ja moi passiern wenn's pressiert.
25 Jahre nach dem Ende der Serie ist dieses Buch der genau richtige Einstieg in eine neue "Kottan Mania". Mit viel Hingabe gemacht und absolut unverzichtbar für jeden Freund anarchischen Humors. Es lebe KOTTANS KAPELLE. Und: Inspektor gibt's kan!
P.S.: Den Kontakt zwischen Dieter Gölsdorf und Peter Patzak stellte Carl Carlton her. Auch der ist bekanntlich Rock'n'Roller bis ans Ende aller Tage.
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