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Rockferry

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Rockferry
Duffy
Rockferry, A&M Records, 2008
Duffy
Sgt Meadows
Ben.E.
Greeno
Mr.T.
Ayo
Karlos
Produziert von: Bernard Butler & Jimmy Hogarth Länge: 37 Min 46 Sek Medium: CD
1. Rockferry6. Hanging On Too Long
2. Warwick Avenue7. Mercy
3. Serious8. Delayed Devotion
4. Stepping Stone9. Scared
5. Syrup & Honey10. Distant Dreamer

Es ist ein Drama mit den Mädels. Kaum kann eine mehr als drei Töne unfallfrei singen, kreischen Plattenfirmen und, speziell die britische, Presse hysterisch herum und propagieren den nächsten Superstar. Wenn dann eine Nachwuchskünstlerin auch noch einer Castingshow entsprungen ist, kann man den Hype normalerweise bedenkenlos in die Tonne flattern lassen, in spätestens zwei Wochen kommt garantiert das nächste Ballyhoo.
Amy Ann Duffy hat tatsächlich bei einer Casting-Fleischbeschau mitgemacht, das war 2003 im walisischen Fernsehen, belegte den zweiten Platz und würde deswegen bei uns niemanden interessieren. Dann kam sie aber an Leute wie Bernard Butler und Jimmy Hogarth, die in der Vergangenheit als Musiker und Produzenten durchaus Stil bewiesen haben, auch wenn man SUEDE oder James Blunt persönlich nicht unbedingt zu seinen Favoriten zählt. Beinahe zwangsläufig folgte der inzwischen beinahe bedenkliche Duffy-Medienterror, dem sich auch längst die Kulturverwalter von Spiegel und Staatsfernsehen angeschlossen haben. Und alle bemühen dieselben Vergleiche. Die Rede ist von Amy Winehouse und Aretha Franklin, von Dusty Springfield und, etwas seltener, Norah Jones und Petula Clark. Fein, werfen wir doch noch ein paar Namen hinterher: Otis Redding, Percy Sledge, Nancy Sinatra und Joss Stone nämlich. Männer und Frauen, ziemlich alt oder sehr jung, tot oder lebendig (bis auf Frau Winehouse, die laviert irgendwo dazwischen). Geeint werden sie durch ihre überwältigenden oder wenigstens einzigartigen Stimmen und ihre manchmal beängstigend seelenvolle Intensität und (Bühnen-) Präsenz. Passt da die 23jährige Duffy aus der walisischen Provinz dazu?

Bei Interviews lacht sie viel, kokettiert ein wenig mit ihrem "unverhofften" Erfolg und betont ihre völlige Normalität. Wenn man in ihre Augen schaut, sieht man Blau und glücklicherweise keine diabolischen Abgründe. Irgendwie kann man keinen Makel an der Schönen entdecken, keine Magersucht, dafür jede Menge verheißungsvolle Erotik ohne ordinäres Ghettokid-Getue. Fast zu perfekt, um wahr zu sein - ergo doch ein künstliches Industriegezücht?
Eben jene Musikindustrie hat in den letzten Jahren eine Musik wieder entdeckt, die vier Jahrzehnte lang bestenfalls Zufallstreffer produzierte. Wir sprechen natürlich, siehe die Namen oben, von Soul, von Motown und von Stax, von schwülen Songs voller Sex und Körperlichkeit, von Emotionen und großen Niederlagen. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass eine blasse Waliserin in dieser Disziplin authentisch und überzeugend sein könnte.
An dieser Stelle kommen die Produzenten ins Spiel. Es gab einst den großen Phil Spector, der bevorzugt Girlgroups ins Rampenlicht rückte und den "Wall of Sound" erfand. Bezaubernde Sängerinnen wie THE RONETTES oder die CRYSTALS wurden mit und durch ihn und seine Geigenkaskaden in Verbindung mit größtmöglich Chart-tauglichen Songs zu mehr oder weniger großen Stars. Die beiden Crooner Bill Medley und Bobby Hatfield aka THE RIGHTEOUS BROTHERS (You've Lost That Loving Feelin') gehören auch dazu. In späteren Jahren produzierte Spector auch Rockbands wie die RAMONES, natürlich die BEATLES, John Lennon und Eric Clapton, aber in Erinnerung wird er mit seinen souligen Erfindungen bleiben. Kann einer wie Bernard Butler heute vergleichbar gefühlvoll und trotzdem dominant eine Produktion gestalten?

Das Lied Rockferry beantwortet alle Fragen. Was für eine brillante Stimme, was für ein "Dock of the bay"-Feeling, was für eine Geigenflut, jedoch ohne Überflutung und quälendem Schmalz. Und dann noch ein Gitarrensolo wie höchstpersönlich von Steve Cropper handgepickt. In diesem Moment sind all die anderen Hypes vergessen, wir wissen nun, dass Duffy eine ganz große Nummer ist. Da schaden auch zwei, drei eher durchschnittliche Songs nicht, der Gesang und die perfekte und nicht einen Moment überladene Produktion gehen ans Gemüt.
Ohne Zweifel klingt das alles nach Sixties und seltsamen Frisuren, das aber so ehrlich und echt wie es im Jahr 2008 nur geht. Wenn sie in Serious singt "How you really feel for me - Tell me, can we ever be - Serious? Serious in love?", möchte man den Kerl nachdrücklich ermahnen, die Frau jetzt und sofort zu heiraten. Da er aber offensichtlich beratungsresistent ist, muss sie ihm auch noch den zum Heulen schönen und überhaupt nicht klebrigen Blues Syrup & Honey widmen: "Listen to me 1, 2, 3, baby, baby, baby, spend your time on me".
Aufmerksamen Lesern wird aufgefallen sein, dass Petula Clark natürlich nicht in die Reihe der Soulsängerinnen passt, aber ähnlich wie sie kann auch Duffy diesen nett-naiven Charme in ihren Liedern abrufen. Da wird "Rockferry" natürlich poppig und ist weit entfernt von Black Music, aber der Reiz ist genau so da. Spätestens mit Mercy sind wir ohnehin wieder irgendwo in Motown-City in einem sehr verruchten Club, kurz vor drei Uhr morgens, und bewegen uns mit einer noch verruchteren Schönheit höchst anzüglich im Rhythmus. Ist da am Keyboard nicht Booker T. Jones persönlich? Mercy ist nicht zufällig ein Riesenhit geworden.

Und was ist nun mit Dusty Springfield und Norah Jones? Erstere taucht via Geistesverwandtschaft ständig auf und die zweite kann einpacken. Nein, natürlich nicht, dazu ist Norah viel zu gut (und viel zu schön), aber Duffy ist weniger verkopft, eingängiger, macht die jazzigen Passagen massentauglich - und das im positiven Sinn.
Bitte, bitte, bitte, lasst Duffy niemals in gewissenlose Produzentenhände fallen, sonst könnte es ihr ergehen wie der unbeschreiblich begabten Joss Stone, die ruckzuck zu einer beliebigen R&B-Göre gestylt wurde. Amy Ann Duffy weiß im Moment noch sehr genau, was Rhythm & Blues und Soul bedeuten, nehmt ihr diese Fähigkeit und uns dieses Naturereignis nicht weg!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 19.04.2008

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