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All For One

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All For One
All For One, WiserTimeMusic Records, 2008
Carmen Sclafani Vocals & Guitar
Steve Decker Drums & Percussion
Jon Cornell Bass
Gäste:
Ryan Bull Guitar Solo (Even & Hammer Down)
Rob Clores B3, Piano
CC Coletti & Anthony Krizan Background Vocals
Bruce Jepson Harmonica
Todd Lanka Bass (Free)
Produziert von: Wiser Time & Anthony Krizan Länge: 37 Min 13 Sek Medium: CD
1. Even6. Crawling Floor
2. All For One7. A Long Time Gone
3. High Time Mind8. Free
4. Floating Blues9. Blame It All On Me
5. Hammer Down

Wie oft haben wir von den einschlägigen Meinungsmachermagazinen in den letzten 30 Jahren von der Zukunft der Musik/des Rock & Roll/der Kunst grundsätzlich lesen müssen - und am Ende war der Hype ein Rohrkrepierer vor dem Herrn. Zuletzt wurde die seltsame Visual Kei-Bewegung durch alle Medien gezerrt, doch auch hier wird sich der bleibende Wert in engsten Grenzen halten, weil die Kids so viele Schminkutensilien gar nicht aus dem örtlichen Drogeriemarkt klauen können, um so duslig auszusehen wie die Protagonisten. Davon abgesehen spielt die Maskerade im Herkunftsland Japan eh keine nennenswerte Rolle.
Vielhörer und Langzeitmusikfans sind längst abgestumpft und nehmen die Böllerschüsse um neue Trends nur noch am Rande wahr, in ernsthaften Kreisen freut man sich lieber über eine tolle neue Band oder CD, ganz selten sogar über interessante neue Töne. Musikhistoriker winken seit Ewigkeiten gelangweilt ab, weil auch der siebzehntausendste Versuch einer sensationell innovativen Brit-Pop-Band wieder nach den KINKS oder BEATLES müffelt und der angebliche neue Super-Dylan nur ein ziemlich drogensüchtiges Selbstdarstellerbürschlein ist. Ach, es ist doch seit Urzeiten alles gesagt in der Musik…

Über dieser neunmalklugen Erkenntnis entgeht uns Rock-Imperialisten manchmal, dass es in den letzten, sagen wir mal: 20 Jahren durchaus Bands gab, die neue Maßstäbe setzten. Manche dieser Bands werden/wurden fälschlicherweise (?) vom älteren Publikum ignoriert (NIRVANA, PEARL JAM), andere wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber als Modeerscheinung oder Zufallstreffer abgetan (GUNS N' ROSES), und dann gibt es die "von vornherein geilen" Bands, die irgendwann da waren und geniale Musik machten. Und zwar Musik, die man logischerweise längst kannte, die aber ausgestorben schien bzw. für grauzauselige Altrocker reserviert war. Wir sprechen natürlich vom Jahr 1990, der CD "Shake Your Money Maker" und der Band THE BLACK CROWES. Die Gebrüder Robinson und die Herren Cease, Gorman und Colt gaben uns zurück was die Achtziger vernichtet hatten: Rock & Roll. Plötzlich waren die alten Helden aus den Siebzigern wieder salonfähig, man durfte nach Jahren FREE, HUMBLE PIE oder LED ZEPPELIN auf dem Discman herumtragen, ohne als Alteisen dem Wertstoffhof zugeführt zu werden. Aber was die CROWES in ihrer insgesamt leider diskutablen Karriere wirklich angerichtet haben sieht man erst heute, beinahe 20 Jahre später.

Es sind inzwischen ein paar Dutzend Bands, die von uns und anderen ins Krähennest gehoben wurden, manche erwiesen sich naturgemäß als Eintags-, ähm, -raben, andere ackern sich mit spitzem Schnabel fleißig durch den aasigen Untergrund und manche könnten den Sprung vom Baum sogar unbeschadet überstehen, wenn sie rechtzeitig, nein, nicht die Flügel ausbreiten, wenn sie rechtzeitig den Fallschirm öffnen. Zuletzt gibt es noch die, die sich direkt nach einem Song ihrer Vorbilder benennen: WISER TIME.
Ganz weit vorne im Freifall-Wettbewerb sind momentan die furiosen MEDUSA STONE aus North Carolina, aber WISER TIME aus New Jersey schneiden bei der Vorwahl für den Kandidaten zum corvus primus* nur unwesentlich schlechter ab.

"All For One", die zweite CD von WISER TIME, unterscheidet sich vom Erstling "There And Back Again" nicht unwesentlich. Zum Beispiel hat der Chef Carmen Sclafani die gesamte Band ausgewechselt und auch gleich auf ein Trio reduziert. Dadurch verschließen sich manche Möglichkeiten, die auf den ersten Hör manchem (Schreiber) gar nicht auffallen mögen, auf den zweiten sollte sie jeder Fan bemerken. Es gibt keine Double-Leads mehr! Ist damit das Thema "Southern Rock" endlich vom Tisch? Hoffentlich.
WISER TIME sind wie sie heißen, nämlich ein Kind der "Amorica"-Zeit. Jam, rockmusikalische Meditation und Selbstfindung sind das Thema, Blues, Soul und Rock'n'Roll werden nur noch als Vehikel zur Artikulation verwendet, das aber gekonnt. Ganz ehrlich: Es ist unheimlich schwer zu sagen, ob WISER TIME nicht doch nur eine Trittbrettfahrerband sind, oder ob sie stolz und selbstbewusst den Stempel "beeinflusst von…" tragen.
Die Songs sind durchgehend auf großem Niveau, die Arrangements trefflich, die Band formidabel, vielleicht sogar besser als die Erstbesetzung, es bleibt aber immer dieses leichte "Gschmäckle" von Coverband mit eigenen Liedern.
Durch die famosen Gastbeiträge an Hammond und Mikrofon wird "All For One" weiter aufgewertet, doch auch hier gibt es Zweitligaverdacht. Die immer wieder betörende Sängerin CC Coletti ist auf "All For One" und bei Meat Loaf ein Bringer, aber solo ist sie uninteressant, obwohl sie dreist das Logo der Nobelmarke Chanel kopiert und sich Songs vom früheren WISER TIME Gitarristen und jetzigen Produzenten Anthony Krizan schreiben lässt. Dieser Herr Krizan war mal bei den SPIN DOCTORS, deren schnelles Scheitern eine von Anfang an absehbare Tragödie war.

Hammersong dieser CD: Der Floating Blues. Da passt der Dreck, das Piano, die Slide und die Dramatik zwischen Klimper und hartem Rock. Der Rest ist gut bis sehr gut, Blame It All On Me würde den Allmans bzw. Warren Haynes gut stehen, also ist "All For One" für alle Ornithologen Pflicht, jedenfalls wenn keine grundsätzlichen Bedenken gegen spätgeborene Zwillingsbrüder bestehen.

* Soll sich mein längst toter und jeder noch lebende Lateinlehrer ob dem "corvus primus" bitteschön stante pede im Grab oder sonst wo umdrehen, wir sprechen hier Rock'n'Roll und wollen circenses et panem (in dieser Reihenfolge). Das Brot bitte mit Parmaschinken, Pecorino und einem Primitivo aus dem Römischen Reich. Die Amerikaner unter uns dürfen den Primitivo mit einem Zinfandel ersetzen, das ist nämlich das gleiche.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.05.2008

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