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This Is It Folks… Over The Top

Live At La Trobe University, Melbourne 1979
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This Is It Folks… Over The Top
This Is It Folks… Over The Top, Sony/BMG / Albert Productions, 2008
Doc Neeson Vocals
Rick Brewster Lead Guitar, Vocals, Keyboards
John Brewster Rhythm Guitar, Chris Bailey, Vocals
Chris Bailey Bass
Graham "Buzz" Bidstrup Drums, Vocals
Länge: ca. 69 Min (DVD) & 77 Min 02 Sek (CD) Medium: DVD & CD
1. No Exit11. Shadow Boxer
2. Am I Ever Gonna See Your Face Again12. Ivory Stairs
3. Waitung For The World13. Can't Shake It
4. After Dark14. Marseilles
5. Straight Jacket15. Comin' Down (nur CD)
6. After The Rain16. I Ain't The One (nur CD)
7. Out Of The Blue17. Take A Long Line (nur CD)
8. Save MeDVD Extras:
9. Dawn Is BreakingPhoto Gallery
10. Be With YouInterview (Audiokommentar)

Über manche Bands will man sein halbes Leben schreiben, weil sie einem wichtig sind, weil sie großartige Musik machen oder machten, weil sie über Jahre, manchmal Jahrzehnte aus irgendwelchen Gründen nur Insidern bekannt waren, oder weil sie einem selbst immer ein Mysterium blieben, dem man nie näher als auf LP-Länge kam. THE ANGELS ist so eine Band, die mich über gut 30 Jahre beschäftigt hat, aber leider nie beschreibbares Material lieferte, sondern immer nur ein Fall für die eigene Sammelsucht blieb. Irgendwann am Ende der Neunziger löste sich die Band auf, alle Platten und CDs waren mühsam zusammengekauft und archiviert, das Thema war abgeschlossen - von der Reunion und einer recht üppigen Veröffentlichungsflut alten und nie gehörten/gesehenen Materials bekam man hierzulande mangels PR nichts mit. Oder vielleicht war der Blick durch das Tagesgeschäft verstellt, das einen in Hochbetriebszeiten durchaus von den wichtigen Dingen des Rock'n'Roll-Lebens ablenken kann. Und wann sind beim heutigen Veröffentlichungswahn keine Stresszeiten für einen fleißigen Reporter. Kurz und schlecht, das Comeback der ANGELS schlug genau wie die übrige Karriere der Australier bei uns in Europa keine großen Wellen. Möglicherweise ist diese Bands sogar vielen unserer Leser gar nicht oder nur dem Namen nach bekannt, deswegen folgendes:

Stellen wir zuerst eine Hypothese auf. Was wäre wohl gewesen, hätte der Rockpalast-Guru Peter Rüchel beispielsweise für die 6. Rockpalastnacht im April 1980 anstatt Joan Armatrading THE ANGELS als Vorprogramm für Ian Hunter und ZZ TOP verpflichtet? Ganz genau, THE ANGELS wären zu einer ähnlichen Kult- wenn nicht sogar Superstarband geworden wie alle anderen Teilnehmer wenigstens der ersten sieben oder acht Festivals in der Essener Grugahalle. Leider hatte Rüchel australische Bands nie auf dem Schirm, so blieb es für THE ANGELS bei einer kleinen Deutschlandtour durch noch kleinere Clubs (in München war es das legendäre Downtown in der Leopoldstraße) vor noch weniger Menschen.
Diese eine Tour war irgendwann zu Beginn der Achtziger, als THE ANGELS für den amerikanischen Markt den Namen ANGEL CITY annahmen um nicht mit der von Gene Simmons protegierten Möchtegern-Arenaband ANGEL in Konflikt zu geraten. Auf den wenigen Tourplakaten stand dann also groß ANGEL CITY, kleiner The Angels, dazu das Coverbild der LP "Face To Face", die 1978 bzw. 1979 für die USA produziert wurde. Nun ist dieses Coverbild zwar künstlerisch großartig (vom 1994 verstorbenen Zeichner Peter Ledger entworfen), dass sich hinter dem leichte Paranoia verbreitenden Spiegelbild allerdings eine bockstarke Rockband und keine verwirrte Prog- oder gar unfähige Wave-Kapelle verbarg, konnte man wahrhaftig nicht ahnen. Die nicht gedruckten Presseartikel in der übersichtlichen Gilde lesenswerter Musikzeitungen erledigten den Rest - also nichts.
Gänzlich verwirrend wurde es ein paar Jahre später, als THE ANGELS plötzlich auch noch als THE ANGELS FROM ANGEL CITY durch die Import-Plattenläden geisterten und die LP "Beyond Salvation" in einer wiederum für den US-Markt zusammengestellten Version mit der australischen Originalfassung unter dem Originalnamen THE ANGELS konkurrierte. Es soll ja Menschen gegeben haben, die beide für teures Geld kauften…

Die Ursprünge der ANGELS gehen bis ins Jahr 1970 als THE MOONSHINE JUG AND STRING BAND zurück, nach dem schon etwas leichtgängigeren Namen THE KEYSTONE ANGELS entstand schließlich 1975 das Trademark THE ANGELS. Und wer empfahl die Band der Plattenfirma Albert Music? Bon Scott selig und Malcolm Young von der anderen australischen Band, die 1975 noch ziemlich weit vom Superstarrummel entfernt war. THE ANGELS spielten in diesem Jahr eine kleine Tour im Vorprogramm von AC/DC und machten dabei offenbar einen so guten Eindruck, dass Scott und die Youngs den Kollegen ihr Equipment vermachten, als AC/DC via London Europa und den Rest der Welt okkupierte.
Der Nukleus von THE ANGELS bestand von Anfang an aus dem Sänger und Bassisten Doc Neeson sowie den Brüdern Rick und John Brewster an der Lead- bzw. Rhythmusgitarre, den künstlerischen Gongschlag gab aber erst die Hinzunahme eines seperaten Bassisten, um Doc Neeson mehr Freiraum am Mikrofon zu geben. Mit Chris Bailey am Bass und Graham "Buzz" Bidstrup (Drums) war für die nächsten vier Jahre jene Besetzung gefunden, die seit gut zwei Jahren wieder vereint ist und mit der die ersten vier LPs und der Grund für diesen Aufsatz, nämlich die '79er Live-DVD/CD "This Is It Folks… Over The Top", eingespielt wurden.
"This Is It Folks… Over The Top" wurde in einem Konzertsaal der La Trobe University in Melbourne aufgenommen, die Umstände dazu kann man sich in den Audio-Kommentaren zur DVD anhören, und erst 2008 von Sony/BMG in Australien veröffentlicht. Natürlich ausschließlich in Australien. Bei uns sind sämtliche CDs und DVDs momentan nur bei JPC erhältlich, die CDs zum Normalpreis von ca. 15 Euro, die DVDs zum gehobenen Tarif um €30, eventuell kann man das eine oder andere Teil etwas günstiger direkt über die Homepage der Band ergattern.
Zur Investition von so viel Geld sollen sich diese Menschen aufgefordert fühlen: Australienrockfans aller Couleur, Hardrocker, Boogiemänner, Zwischen-den-Zeilen-Hörer, Texte-Leser, Proggies mit Lust auf intelligente Rrrockmusik, Liebhaber von darstellender Kunst.

THE ANGELS flogen irgendwann Mitte der 80er in Amerika hochkant aus dem Vorprogramm der KINKS. Nicht weil sie so schlecht waren, sondern weil vor allem Ray Davies ein Problem hatte: Doc Neeson stahl ihm als Performer die Show. Wer THE KINKS jemals bei einem guten Konzert erlebt hat (es gab davon nicht so atemberaubend viele) weiß, dass Ray Davies ein fantastischer Rock'n'Roll-Schauspieler war - Doc Neeson war besser. Ja, der in Irland geborene Australier steht in der Reihe ganz großer Bühnendarsteller und Rock-Charismatiker ziemlich weit vorne. Um ein paar Namen zu nennen: Alex Harvey, Peter Gabriel, natürlich Davies in Spiellaune, Alice Cooper, Bon Scott, Meat Loaf, David Bowie, mit dem THE ANGELS auch tourten. Vor Doc Neeson mussten vor 31 Jahren außer dem größten von allen, Bon Scott, alle Angst haben. Ein junger, kurzhaariger, verdammt gut aussehender Bewegungsmaniker mit einer Stimme zwischen brüchigem Heavy-Metal-Depressionsanfall, glasklarem Rock'n'Roll-Irrsinn, überlegtem Heartland-Rocker mit Hang zu Dylan und Reed und halbbetrunkenem Pub-Animal. Was für ein Ereignis.
Man hatte all dies in Kenntnis der CDs schon geahnt, aber diesen überragenden Frontmann auf DVD zu sehen ist magisch. Der Auftritt in einem bizarren Smoking mit viel zu kleinem Sakko erscheint anfangs nur etwas burlesque, aber schon nach wenigen Momenten wird klar, dass hier mit dem ganz großen Schauspiel-Besteck gearbeitet wird. Der Kerl rackert, schreit, singt, springt, gruselt mit wahnsinnigem Blick und grenzwertigem Sprechgesang, tanzt, löst seinen Smoking nach und nach in seine Bestandteile auf, macht Ansagen wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, es ist ein Naturereignis, das man mit diesen 31 Jahre alten Filmaufnahmen erleben darf.
Ganz und gar kein Ereignis ist das Stageacting der übrigen Bandmitglieder, allen voran Rick Brewster an der Leadgitarre. Einen so derart belämmert dreinblickenden und wie festgenagelt herumstehenden Gitarristen hat die Welt vermutlich noch nicht gesehen. Bruder John und Basser Chris Bailey legen ab etwa Mitte des Auftritts ihr offensichtliches Muffensausen ab und rocken wenigstens ein bisschen mit, aber Rick spielt einfach nur großartige Melodien, Soli, Licks, Riffwände - und steht ansonsten bewegungslos wie ein Ölgötze da. Spätestens im letzten Drittel der Show, als Neeson die Reste des Smokings endgültig gegen einen Overall tauscht und wie ein Berserker Can't Shake It jammt, möchte man Brewster in den kleinen Arsch treten und wenigstens so ein wenig Bewegung erzeugen; wenigstens bewegt er sich zwischendurch zur Hammond und greift recht gekonnt in die Tasten. Es muss ein riesengroßes künstlerisches Verständnis zwischen den Brewsters und Neeson bestanden haben, ansonsten ist nicht zu begreifen, dass eines der größten Bühnentiere der Rockgeschichte auch nur eine Woche mit der Standfigur Rick Brewster ertragen konnte. Womöglich ist dieses Missverhältnis zwischen dem alles überragenden Performer und dem Arbeiterdenkmal mit ein Grund für das internationale Scheitern dieser unglaublich subtilen Band.
Eine phänomenale DVD, die technisch ihrem Entstehungsjahr entspricht und ein - nicht ganz vollständiges - Konzert einer famosen Hard Rock Band mit einem genialen Frontmann zeigt. Wenn Neeson mit Straight Jacket in den totalen Wahnsinn führt und Brewster dazu eines der giftigsten Licks aller Zeiten spielt, ist der Rock & Roll wieder groß. So groß wie einst.

Wenn man sich von Doc Neesons visuellem Sperrfeuer erholt hat, darf man zur CD greifen. Die dauert glatt 8 Minuten länger und hat zwei Songs mehr im Angebot, außerdem ist der Stereo-Sound besser als auf der DVD (5.1 ist besser). Kommt auch nicht oft vor. Außerdem empfindet man die Musik ohne den tobsüchtigen Neeson sehen zu können anders. Plötzlich ist es wieder nur überragender Hard Rock mit hochexplosiven Stampfern, herrlichen Boogiegeschossen, ein paar halbruhigen Momenten und beinahe experimentellen Kunstwerken. Man höre beispielsweise Am I Ever Gonna See Your Face Again, das 1976 auch die erste Single zierte. Das ist hemmungslos nach vorne stürmender Rock & Roll mit einem richtigen Text und einer wunderschönen Gitarrenlinie zum Dauerriffing - in Australien wurde die Nummer zum unsterblichen Evergreen, viele Classic-Rock-Radiosender spielen es bis heute. Das von "Buzz" Bidstrup im Stil von Phil Rudd gepowerte Waiting For The World steht kaum nach.
Das Prädikat "intelligenter Hard Rock" wurde in den Siebzigern gerne Bands wie BLUE ÖYSTER CULT oder RUSH angeheftet, dass auch ganz "banale" Rock'n'Roller Boogie mit Hirn machen können, passte und passt bis heute nicht ins Bild. Dabei wäre Straight Jacket der Beweis: von vorne bis hinten durcharrangierter Vorwärts-Rock mit sinnvollen Lyrics und einem kleinen Solo von Rick Brewster nach 2:40 Minuten, das einem jeden Rocker die Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt.

Ob man mit "This Is It Folks… Over The Top" unbedingt seine THE ANGELS Sammlung beginnen, oder doch lieber zuerst die alten Platten chronologisch erwerben sollte? Keine Ahnung, aber eines ist sicher: Wer dereinst nichts von dieser Band mit ins Altersheim nehmen kann und wer Doc Neeson nicht verehrt, der war nie Rocker.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.11.2010

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