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EditorialBraucht Deutschland den Superstar?Nein! |
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Das Fernsehen gebiert schlimme Auswüchse. Im Kampf um die Quote lassen sich junge Menschen einsperren und 24 Stunden pro Tag von Kameras beobachten, andere gehen für Wochen ins Girls Camp oder auf eine einsame Insel und spielen Robinson und und und. Zehntausend glauben, sie hätten das Zeug zum Superstar. Die Casting-Show mit den ganz
"besonderen" Bewerbern, übertragen am 4.1.2003 abends, habe ich mir aus Neugierde angetan und gelacht, wie
lange nicht mehr. Und den Kopf geschüttelt, bis mir schwindlig geworden ist.
Respekt vor den nach dem Casting übriggebliebenen Zehn. Allesamt gute Stimmen (sicher auch die nächsten X, die als Reserve bereitstehen), auch wenn mir nicht alle wirklich gut gefallen. Was ist der Sinn des Ganzen? Unterhaltung? Wegen Unterhaltung produziert kein Privatsender eine Show. Es reduziert sich auch hier ausschließlich auf Geld und Quote. Wobei dies auf das gleiche hinausläuft. Megalomanie, Größenwahn, oder ist es Verzweiflung? Letzteres auf Seiten der Musikindustrie. Superstar, was für eine Anmaßung. Wenn ein "Künstler" 100 Millionen CDs verkauft hat, dann kann man ihn als Superstar bezeichnen. In diesem Fall ist "Superstar" Sinnbild für eine Sprache, die nur noch aus Superlativen besteht. Steigerung von XXL: Mega-XXL oder Super-XXL oder Super-Mega-XXL? Tausende von Köpfen rauchen, um
diese Frage zu beantworten.
Zehn junge Künstler machen ein "Spiel" mit in der Hoffnung, wirklich zum Star zu werden. Wo es steil aufwärts geht, geht es auch genauso steil wieder herunter. Zumindest in den Bergen und allemal im Business. Der gemeinsam gesungene Song "We have a dream", der nicht mal so schlecht ist, zumindest nicht weh tut, hat Platin mit steigender Tendenz, ist natürlich Nummer Eins in den Single Charts. Nichts für echte Rocker. Eine nicht uninteressante Frage ist, wie lange sich diese Masche ausschlachten lassen wird. Ich denke, nicht lange. Die jungen Leute haben nicht die Zeit, um wirklich mit den Aufgaben zu wachsen und, was mir
als das Wichtigste erscheint, einen eigenen Stil zu entwickeln. Der Erwartungsdruck ist ungeheuer groß und ein
Ausspruch Dieter Bohlens charakterisiert klar wo es lang geht: "Du darfst nicht das singen, was dir gefällt, du
musst das singen, was den Hörern gefällt." Wenn ich das in Gedanken durchspiele, dann bedeutet das, dass
niemand mehr richtig neue Songs schreibt, womöglich seiner Musik innovative Elemente hinzufügt. Denn Neues
wird von der Masse ja erst mal abgelehnt, ist kein Geschäft. Ich muss also meine eigenen Ideen in die Schublade
zurücksperren und hoffen, dass ich vielleicht irgendwann die Chance bekomme, sie doch noch einzubringen. Der
Traum jedes Musikers, der mit überdurchschnittlichem Talent gesegnet ist.
Dies sind andererseits die Marktlücken für all' die kleinen Labels, Importeure, Eigenvertriebe der Bands, die sich auf Grund der Vertriebsstruktur sehr schwer tun, richtige Stückzahlen an den Fan zu bringen. Dass das Internet dies immer mehr erleichtert, ist sicher auch ein Grund für den Rückgang der Verkaufszahlen bei den Majors, die vielen Rockmusikfans schon lange nicht mehr die Musik anbieten, die diese gerne kaufen würden. Nicht nur das Kopieren der Verkaufshits (auf CD-R oder per illegalem Download) ist Schuld an der Misere, die ist zu einem guten Teil hausgemacht. Irritiert bin ich immer wieder mal über die Aussagen der Jury. Es wird gesagt "jeder Ton getroffen". Das ist
für mich nicht nachvollziehbar. Wenn ich der Meinung bin, dass es nicht stimmt, dann spule ich das Video
zurück, um mir den Song noch einmal anzuhören. Und meistens ist mein Eindruck richtig, nämlich dass
deutlich falsche Töne zu hören sind. Okay, die Jury kann kein Video zurückspielen und das Publikum
macht einen Heidenlärm. Die Vier werden aber als kompetente Sachverständige hingestellt und von einer
"Kapazität" muss ich schon erwarten können, dass Unsicherheiten gehört werden.
Wäre ich ein Anhänger von Verschwörungstheorien, hier fiele mir schon einiges ein. Nun, einen Teil meiner Naivität aus frühen Tagen habe ich mir bewahrt, glaube immer noch an Ehrlichkeit und Fairness und wittere nicht ständig Lügen. Darum stelle ich einfach ein paar Fragen. Vielleicht werden sie ja beantwortet (durch das, was dann in den kommenden Monaten geschehen wird?).
Dieses Spektakel könnte bei Möchtegernen, die die Augen offen halten, bewirken, dass sie auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Es kann dem Zuschauer zeigen, welch brutal harter Job die Musikbranche ist. Die Künstler sind zum Erfolg verurteilt, nur ganz wenige Etablierte können sich einen nicht ganz so guten Verkauf leisten. Wäre der Veranstalter eine gemeinnützige Stiftung, die das Allgemeinwohl zum Ziel hat, dann hätte ich ja Hoffnung (kleiner Scherz am Rande). Wenn an einem Tag gleich alle drei Münchner Boulevard-Blätter auf der ersten Seite eine Überschrift mit einem der Teilnehmer des Talentschuppens haben, dann bedeutet das, dass die Anteilnahme innerhalb der Bevölkerung schon gewaltig ist. Und die Bedeutung der Show ist für die Presse gewaltig. Die Fans der Ausgeschiedenen verstehen die Welt nicht mehr. Wie kann das passieren, wo sie doch die Telefonnummer getippt haben, bis die Fingerspitzen wund waren. Es scheint hoch herzugehen zwischen den Fankreisen. Um einen Star heute bis nach ganz oben durchzudrücken bedarf es Summen, die wir im Leben nicht verdienen.
Oder eines Aufsehens, wie es jetzt durch diese Serie hervorgerufen wird. Die BMG kann sich gemütlich
zurücklehnen und abwarten, wer am Ende übrig bleibt.
Mit den Dreien, die am meisten Erfolg versprechen, kann man dann weitere CDs produzieren, die ganz sicher(?) zum Verkaufserfolg werden. Mich erinnert das an die Markteinführung eines neuen PKWs. Erst kommt das Basismodell, dann das Coupé, das Cabrio und die Offroad-Version. Durchgeplant vom ersten bis zum letzten Moment. Und für die CDs, die dann von diesem/n "Star/s" gekauft werden, werden dann viele von kleinen Stars, die jahrelang für ihren Erfolg geschuftet haben, nicht gekauft. Die Budgets der CD-Käufer für neue CDs werden deswegen nicht größer, also bleiben die Kleinen auf der Strecke. Wer keine Mega-Show gewonnen hat, kann doch nichts Gescheites sein. Q.e.d.. Ich möchte meine Illusionen, dass Können und permanente Leistung letztendlich den Erfolg bringen, nicht total begraben, denn den Weg zum Erfolg, wie uns hier gezeigt, kann niemand gut heißen, der sich ernsthaft mit Musik beschäftigt. Aber meine Meinung zählt nicht und > 12 Millionen können nicht irren.
Dieser Artikel erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Wollte er, dann würde er niemals fertig werden, denn die Dinge sind ja noch im Fluß. Dinge, die mir wichtig erscheinen, werde ich links im Updateblock unterbringen. Sollte mir ein Fehler unterlaufen sein oder ich etwas wirklich Wichtiges vergessen habe, bin ich für Hinweise dankbar. Aber bitte vergesst nicht: Dies sind meine Gedanken und Schlüsse, die mir (nachdem ich in der SZ über eine Teilnehmerin mit einer ausserordentlich guten Stimme, Judith, die freiwillig ausgestiegen ist, gelesen und ich mich mit diesem Phänomen beschäftigt habe), in den Sinn gekommen sind. Werner Saumweber, (Impressum, Artikelliste), 22.01.2003 |
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