HoR Logo kl Editorial:

Gangsta-Bahn, Gangsta-Finnen, Gangsta-Rap

Logo Home-of-Rock
Startseite > Editorial > Gangsta-Bahn, Gangsta-Finnen, Gangsta-Rap

70 Millionen Euro kostet die dreiste Tariferhöhung der etwa 12.000 bezugsberechtigten Lokführer den Weltkonzern Deutsche Bahn ab sofort jährlich (weitere 8.000 Lokführer sind Beamte und demzufolge sowieso Sozialschmarotzer). Das muss man sich einmal vorstellen: 70 Millionen alleine für Lohnerhöhungen. Pro Jahr! Und 2009 arbeiten diese Kerle auch noch weniger, 40 statt 41 Stunden pro Woche. Bitte, wer mag es dem gebeutelten Arbeitgeber verdenken, diese unglaublichen Mehrkosten nicht sofort und direkt an den Kunden weiterzugeben? Oder noch besser, einfach ein paar tausend Minderleister zu entlassen und durch arbeitswilliges Frischfleisch aus Südostasien oder Tschetschenien zu ersetzen.
Noch ein Vorschlag. Den Vorstandsvorsitzenden ersatzlos streichen. Herr Mehdorn (geb. 1942 in Warschau) kostet uns Bahnfahrer nämlich aktuell knapp 3,2 Millionen Euro. Jährlich. Und dazu noch jede Menge Nerven beim täglichen Betrachten seines Gesichts im Fernsehen. Würde man gleichzeitig noch die Bezüge seiner Vorstandskollegen um, sagen wir mal, 50% eindampfen, wäre ganz hurtig sicherlich mindestens ein Siebtel der Lokführer-Lohnerhöhung eingespart. Noch gar nicht gesprochen von den Rationalisierungsmöglichkeiten bei den Pensionszahlungen an frühere Honoratioren. Man könnte die Herrschaften natürlich auch durch denkendes Frischfleisch aus, nur ein Beispiel, dem realen Arbeitsleben ersetzen. Vielleicht durch den grandios arbeitenden Einsatzleiter, der beim Bahnstreik vor ein paar Wochen im Münchner Hauptbahnhof mit einem Megaphon und unendlicher Geduld den genervten Fahrgästen Ersatzzüge und Kaffee angeboten hat. Der Mann hatte 18 Stunden am Stück durchgearbeitet und verdient vermutlich keine 3,2 Millionen. Nicht mal in seinem gesamten Leben.
Das Unwort des Jahres ist nicht "Herdprämie", es kann nur "Mehdorn" sein. Oder doch "Nokia"?

Günther ist bei Nokia in Bochum als Qualitätsprüfer beschäftigt. Noch, weil der Weltkonzern Nokia das Bochumer Werk bald schließen wird. Die 88 Millionen Fördergelder für die Errichtung des Werks sind wohl aufgebraucht. Vermutlich durch üppige Tantiemenzahlungen an Vorstandsmitglieder des weltgrößten Handy-Herstellers.
Ich habe Günther letztes Jahr beim Rockpalast in Köln kennen gelernt. Mitte 40, das Haar noch verblüffend lang und voll, Rocker seit 30 Jahren, Biertrinker und Musikfachmann. Kinder hat Günther keine, aber dafür eine mordsmäßige Schallplattensammlung, und er liest täglich Home of Rock und alle anderen verfügbaren Online- und Printpublikationen, weil er Monat für Monat im Schnitt 30 Neuveröffentlichungen kauft, sozusagen als musikalische Grundversorgung fürs Alter. Günther wird wohl keinen Job mehr finden, wenn Nokia dichtgemacht hat. Er ist zu alt, zu langhaarig, zu teuer, und irgendein Mehdorn dieser Welt wird ihm sicher auch sagen, dass er zu minderqualifiziert für eine neue Aufgabe ist. Schade um Günther, schade auch um die Musikindustrie, die künftig auf geschätzte 500 Euro monatlich aus Günthers Haushaltskasse verzichten muss. Sicherlich sind unter den 4.500 anderen künftigen Arbeitslosen (inklusive Zulieferfirmen) noch etliche weitere Musikfans, die sich bald nur noch dem Hartz-Rock widmen können. Doch wir haben den Ausweg aus der Krise - Musiker und Plattenfirmen herhören!

Am 14. Januar wurde der freundliche Rapper Massiv durch einen Pistolenschuss verletzt ("Wer will Krieg, komm, Blut gegen Blut, komm, Messer aus der Tasche, Schlägerei bis das Blut kommt!", aus dem schönen Lied Blut gegen Blut - dies ist ein völlig zusammenhangloses Zitat und rückt den Gangsta-Rap-Künstler Massiv keineswegs in ein falsches Licht). Er wurde um 22:42 Uhr in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert, 7 Minuten vorher wurde im Forum der Massiv-Homepage (sponsored by Sony BMG) bereits über den Anschlag berichtet. Sapperlot, da hatte einer in all der Aufregung über den ersten gewalttätigen Übergriff auf einen, nun ja, Musiker in Deutschland tatsächlich noch Zeit und Muse sich an seinen Computer zu setzen, damit die Fangemeinde mit der knalligen Nachricht versorgt wird.
Streifschuss oder Durchschuss, nur so ist dem Dilemma sinkender Verkaufszahlen beizukommen. Wir bereiten an dieser Stelle ein paar publikumsträchtige Überschriften vor.
"Rocksänger nach Besuch bei Schwiegermutter zum Aufessen seiner neuen CD genötigt - Täter wird im militanten Progressiv-Bereich vermutet"
"Hard-Rock-Gitarrist mit eigenen Stahlsaiten ausgepeitscht! Versinkt Deutschland im Riff-Chaos?"
"Nena mit Wasserpistole die Schminke weggeschossen, Sudbury-Schule vor dem Aus. Ein Schüler: 'Mir ging dieses beschissene Demokratiegelaber von der Alten so dermaßen auf den Sack'"
Dschungelshow war gestern, in der derzeitigen Krise hilft nur noch nackte Gewalt um die Verkaufszahlen halbwegs zu beleben. Haut rein, Jungs.

Um dieses Editorial ernsthaft abzuschließen, noch ein paar Zahlen, die sich auf unser letztes Editorial vom Oktober 2007 beziehen. Es ging um die Band RADIOHEAD und ihren unkonventionellen Versuch, das aktuelle Album "In Rainbows" zu einem beliebigen Betrag zum Download bereitzustellen.
Etwa 60% der Downloader haben nichts, respektive nur die Kreditkartengebühr für das Produkt bezahlt. Das sind deutlich mehr Billigheimer als angenommen. Der von den zahlenden Kunden im Durchschnitt bezahlte Preis beträgt etwa 4,50 Euro, rechnet man die Gratisdownloader hinzu, reduziert sich der Betrag auf unter 2 €. Neueste Schätzungen sprechen von knapp unter 1,5 Millionen Downloads insgesamt. Ergo ist das Experiment wohl zufriedenstellend verlaufen, meine ganz persönlichen Erwartungen an den Rockfan sind nicht erfüllt worden, für die Band RADIOHEAD wird es dennoch sicher zum Überleben reichen. Außerdem stieg die letztendlich doch noch als normale CD veröffentlichte Scheibe in den U.S.A. direkt als #1 in die Charts ein, auch wenn sich die Verkäufe gegenüber dem letzten Album "Hail To The Thief" von 2003 mehr als halbiert haben. Hätten die Kerle mal lieber ein wenig Promo-Ballerei veranstaltet…

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.01.2008

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

Startseite > Editorial > Gangsta-Bahn, Gangsta-Finnen, Gangsta-Rap

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum