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Gute Besserung?

Der letzte Preis war zu hoch

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Man mag mir jetzt Pietätlosigkeit vorwerfen, bitteschön, und natürlich handelt auch dieses Editorial nicht von unserem eigentlichen Auftrag, der Musik, aber man macht sich eben Gedanken, wenn ein vierundsiebzigjähriger Milliardär seinem Leben mithilfe eines daherrasenden Zuges ein Ende setzt. Adolf Merckle, viert- oder fünftreichster Deutscher, Gründer des Pharmaimperiums Ratiopharm, Besitzer eines kaum zu durchschauenden Firmenkonglomerats, Unternehmer im Stile eines Großgrundbesitzers, Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und einer der größten Steuertrickser in der Geschichte der Bundesrepublik ist tot.

In solchen Momenten ist Häme nicht angebracht, jedoch konnte man sich vor knapp zwei Monaten einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, als der große Unternehmens- und Familienpatriarch Spekulationsverluste in mindestens Milliardenhöhe eingestehen musste, weil mit VW-Aktien fahrlässig jongliert wurde (es wurde auf sinkende Kurse gesetzt - die Realität sah zur Verblüffung vieler völlig anders aus). Die Schadenfreude war nur von kurzer Dauer, denn der Machtmensch Merckle drohte Gläubigern, Banken und Politik mit der sofortigen Insolvenz, falls nicht geholfen würde - ca. 100.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Familie ab.
Was war passiert? Merckle hatte seine Kernkompetenz verlassen und fiel zum ersten Mal in seinem Leben empfindlich auf die Nase. Ungewöhnlich für einen wie ihn, denn im Grunde hatte er nie nur ein einziges Kernkompetenzthema, schließlich gehörten so unterschiedliche Firmen wie HeidelbergCement (geschickt geheiratet), Kässbohrer Geländefahrzeuge, Bergbahnen, Textilwerke, Forstunternehmen, eine Gießerei, ein Hersteller von Windkrafttechnologie, Arzneimittelhandel und eben Ratiopharm sowie ein Wust von Beteiligungsgesellschaften zu seinem Reich, das im Laufe der Jahrzehnte beständig anwuchs und letztendlich immer unter seiner alleinigen Kontrolle blieb, auch wenn verschiedene Familienmitglieder und externe Manager die Außenposten übernahmen. Zur Not wurde sein eigener Sohn aus leitender Position entfernt (Ratiopharm) und ein Aufsichtsrat bei Kässbohrer eliminiert, ein unleidlicher Sparkassenvertreter, der offenbar tatsächlich Aufsicht ausüben wollte und sein Mandat ernst nahm.
Merckle war ein Regent, natürliche Feinde wie Arbeitnehmervertreter und ehemalige Untergebene würden ihn vermutlich als Despoten bezeichnen. Die Liste der von ihm geführten Prozesse ist endlos, nicht immer hat er sich durchgesetzt, aber seine nach außen kaum wahrnehmbare Präsenz dürfte so manchen Gegner aber auch Geschäftspartner in Angst und Schrecken versetzt haben.
Das zur Spiegel-Gruppe gehörende "manager-magazin" titelte vor fünf Jahren einen Artikel mit "Der Pate von Blaubeuren", knapp zwei Jahre später überreichte ihm der Ministerpräsident Baden-Württembergs besagtes Verdienstkreuz. Den Sächsischen Verdienstorden sowie diverse Ehrendoktorwürden nahm der Macher ebenso gerne mit. Merke: Sei rücksichtslos und die Speichellecker werden dich hofieren.
Entsprechend diesem Geschäftsmodell konnte Adolf Merckle in der schwäbischen Provinz und in seinen sächsischen und mecklenburgischen Ländereien nach Belieben die Fäden ziehen, immerhin wurde er vom Wirtschaftsmagazin "Forbes" im Jahr 2008 auf Platz 94 der reichsten Menschen der Welt geführt, da macht so mancher Provinzfürst einen Bückling nach dem anderen.

Nach dem Spekulationsdesaster, das übrigens die finanzielle Basis der Familie nur beiläufig tangiert hatte, und den unverhohlenen Drohungen des als geizig verschrienen Multimilliardärs ging immerhin Baden-Württembergs Ministerpräsident und vormaliger Ordensverleiher Oettinger auf Distanz und kündigte eine Prüfung des Privatvermögens vor einer eventuellen staatlichen Hilfe an. Zuletzt konnte man lesen, dass die Banken der Merckle-Dachgesellschaft VEM entsprechende Überbrückungsdarlehen zur Verfügung stellen würden, das Filetstück Ratiopharm allerdings wohl verkauft werden müsse. Keine leichte und gewinnträchtige Aufgabe derzeit, die Weltwirtschaftskrise macht auch grundsätzliche Perlen zum Schnäppchen.

"Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet", so die offizielle Mitteilung der Familie am heutigen 06. Januar 2008.
Dieser eine Satz zeigt die Verlogenheit der Unternehmerkaste, denn die Merckle-Krise war von Anfang bis Ende selbst verschuldet und die angebliche Handlungsfähigkeit hat sich der Wirtschaftswunderunternehmer persönlich ans Revers zu heften. Richtig ist sicherlich, dass Adolf Merckle zum Schluss ein gebrochener Mann war, aber das ganz bestimmt nicht aus Sorge um seine Angestellten, sondern weil ihm, dem einzigartigen Schattenmann, letztlich ganz banale Grenzen gesetzt wurden: Gier, Reichtum und wirtschaftliche Skrupellosigkeit schützen nicht vor grässlichen Fehlern, im Gegenteil, Adolf Merckle ging den Weg so vieler superreicher Vorgänger, die irgendwann den Hals nicht mehr voll genug bekommen konnten und plötzlich für ihre Verhältnisse arm und machtlos waren.
Möge seine Asche in Frieden ruhen. Mögen aber vor allem die Arbeitsplätze der kleinen Arbeiter und Angestellten des Merckleschen Imperiums erhalten bleiben. Diese Menschen haben es nötiger.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 06.01.2009

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