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Editorial:
Blutspur durch Lalaland
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Drei Fragen beschäftigen den Bürger dieses Landes derzeit und alle drei Themen haben mit Blut zu tun. Bis zu 12 Millionen Deutsche haben die dreistündige Sendung gesehen. Davon knapp 1,3 Millionen 14- bis 29-Jährige (die Kern-Zielgruppe). Zuzüglich einige Zehntausend, die die Show in irgend einem Club oder bei einer der vielen eigens veranstalteten "Vote for Lordi"-Partys verfolgten. Alles potentielle Televoter, die gerne den halben Euro für ihren Anruf ausgaben. Ergebnis: In Deutschland erhielten LORDI die zweitmeisten Stimmen, übertroffen nur von den hier beheimateten Türken, die die ziemlich ansehnliche Sibel Tüzün wählten. Leider liegen uns keine demoskopischen Daten vor, die besagen, wie viele dieser Anrufer ihre eigenen Ehefrauen ausschließlich mit Kopftuch aus dem Haus gehen lassen und ihre Kinder zur Koranschule schicken. Insgesamt wurde der Contest von über 100 Millionen Menschen live verfolgt (darunter 10 Millionen Briten, 8 Millionen Griechen, 5 Millionen Spanier). Der für die Stimmzählung verantwortliche Provider (eine Firma aus Köln) veröffentlicht keine Zahlen über die tatsächlich eingegangenen Anrufe. Bekannt wurde nur, dass 42% LORDI wählten. 42% aus 38 teilnehmenden Ländern! Nur aus Andorra, Rumänien, Malta und Frankreich bekamen die Finnen 0 Punkte. Die Franzosen wurden übrigens kürzlich in einer Umfrage zum humorlosesten Volk Europas gewählt. Den Sieg errangen LORDI in Norwegen, Estland, Zypern, Holland, Polen, Bosnien-Herzegowina, Israel und Griechenland, dazu kamen noch sechs zweite Plätze. Wir halten fest: Eine europaweit per Internet verbundene Jugendkulturszene hat sich verabredet und dem Establishment ein Bein gestellt. Dass ausgerechnet LORDI Objekt des Hype wurden, ist purer Zufall. Die Anziehungskraft halb ausgezogener Silikonwunder aus Kroatien oder autistischer a cappella Stotterer aus Lettland hält sich bei Jugendlichen in engen Grenzen, lustige Fledermausflügel und eine Maske die dem leibhaftigen Lemmy nachempfunden ist, machen da doch wesentlich mehr Laune. Das Liedchen Hard Rock Hallelujah spielt dabei die kleinste Rolle, es handelt sich nur um ein leicht schepperndes Ding aus der KISS-Restmülltonne. Die wollten den Song nämlich schon vor 33 Jahren wegen Banalitätsalarm nicht spielen. Und das heißt bei KISS einiges. Viel wichtiger ist die wundervolle Promotion durch die BILD-Zeitung, die im Vorfeld nichts besseres zu tun hatte, als ausgerechnet Nicole (remember Ein bisschen Flieder) nach ihrer maßgeblichen Meinung zu befragen (sie findet es grässlich). Nachträglich haben wir aus der Hamburger Bildungsbürgerlektüre noch gelernt, dass Tomi Putaansuu, Mr. Lordi, auf "Folter-Sex" steht und die Maske nicht im Bett trägt. Was wohl Nicole Seibert bevorzugt? Siegel-Strapse und Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund als Dirty Talk? Oh, Maledictio..., immerhin hat sie 1981 das "Goldene Schlager(strumpf)band" für ihren Hardcore-Schlager gewonnen. Zurück zum "Wildtier des Jahres 2005", dem Braunbären. Das Vieh ist laut Bayerns Umweltminister Schnappauf außer Rand und Band und hat den Schießbefehl geradezu provoziert. Schnappauf hält sich derzeit in einem einbruchssicheren Bärenschutzbunker auf und sondiert mit einem Krisenstab die Lage. Herr Klinsmann, übernehmen sie! Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 23.05.2006
Samstag, der 20. Mai 2006 - Ein wahrlich großer Tag für die Rockmusik. Wie? Was? John Lennon ist von den Toten wiederauferstanden? LED ZEPPELIN haben sich
reformiert? Ozzy Osbourne ist endgültig in Rente gegangen? Objektiv betrachtet ist Hard Rock Hallelujah, der Siegertitel, ein relativ belangloser, hymnischer Hardrock-Stampfer, eine altbackene Ansammlung ausgelutschter Klischees. Auf eine normale LORDI-CD hätte es der Titel selbst dann nicht geschafft, wenn die Plattenfirma auf zusätzliche drei Minuten Spieldauer bestanden hätte, weil es der
Vertrag so vorsieht. Und ehrlich, beim Chorgesang der Keyboarderin rollen sich einem die Zehennägel auf. Sicherlich haben LORDI alleine dadurch gepunktet, dass sie völlig anders waren als der Rest. Unsereins, der sich tagtäglich mit Rockmusik und ihren Auswüchsen beschäftigt, mag über den Mummenschanz der Band amüsiert lächeln, doch für den durchschnittlichen ESC-Konsumenten war das eine echte Provokation, die schockierend und verstörend wirkte. Da ist für viele Fernsehzuschauer eine Welt aus den Fugen geraten, vergleichbar mit dem Auftritt KNORKATORs beim deutschen Vorentscheid vor einigen Jahren. LORDI haben bewiesen, man kann durchaus als gewachsene und gestandene Rockband an diesem Wettbewerb teilnehmen, ohne sich groß verbiegen zu müssen. Man kann teilnehmen ohne bei den eigenen Fans Kredit zu verspielen und man kann sogar gewinnen. Vielleicht - und das ist meine persönliche Hoffnung - haben LORDI eine Lawine in Bewegung gesetzt, die der gesamten Rockszene nützt. Natürlich kann das nur der Anfang sein, aber wer weiß... vielleicht schickt Irland im nächsten Jahr CRUACHAN ins Rennen, England Bob Catley, Portugal MOONSPELL, Polen RIVERSIDE, Deutschland UMBRA ET IMAGO, die Schweiz GOTTHARD und und und... Um Finnland brauchen wir uns keine Gedanken machen, auch wenn es einige Anläufe - unter anderem mit NIGHTWISH - brauchte, bis sich ein Rocksong durchsetzen konnte. Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), 23.05.2006
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