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Editorial:
Big Boss |
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Sind das nicht Referenzen: Mittelrhein-Meister als Trainer mit der B-Jugend des bekannten Fußballvereins Frechen im Jahr 1968, Personalkoordinator und Mädchen für alles bei Bayer Leverkusen, Manager und Geschäftsführer ebendort, berüchtigter "Kopfjäger" auf einer Stufe mit Uli Hoeneß. Dazu ein sympathisches Team, bestehend aus einer millionenschweren Hotelerbin mit Psychologiestudium und Hang zum Mobbing, und einem Menschen, der von Politik über Autos bis Zeitung und Funk und Fernsehen schon ziemlich alles restrukturiert (ergo: Leute auf die Straße gesetzt) und/oder geleitet hat. Jetzt hat der Herr Calmund eine Fernsehshow gekriegt. "Big Boss" heißt die lustigerweise, läuft beim Kultursender RTL und gibt einem Dutzend junger Menschen die Chance, in Bälde eine Viertelmillion Euro oder wahlweise einen Führungsjob in einem Konzern zu gewinnen.* Sie müssen sich nur als zukunftsträchtige Jungunternehmer beweisen und einen möglichst kompetenten Eindruck erwecken. Vorzugsweise haben diese hoffnungsvollen Kandidaten ein Studium der Betriebswirtschaft hinter sich, sehen gut aus, sind frisurentechnisch auf neuestem Stand gestylt, zeigen ihre 64 auf Dauerlächeln getrimmten perlweißen Zähne alle im Oberkiefer und tragen interessante Anzüge von Hugo, dem anderen Boss, oder Armani. Drehen sich die Jungs und Mädels um, sieht man auf dem Sakko noch den Abdruck ihrer Schulranzen. Auf der Internetseite von RTL kann man kleine Fragebögen der Kandidaten lesen auf denen sie Sätze wie "Langsame Computer bringen mich aus der Fassung. Natürlich gebe ich diese Schwäche in der Öffentlichkeit zu" absondern. Oder "Mein Lebensmotto: Von nix kommt nix". Oder zum Thema "Besondere Fähigkeiten": "Großer Mediator. Leute vertrauen mir". Eine ganz besonders eloquente Dame wird ihren Gewinn auf jeden Fall in die eigene Selbstständigkeit investieren: "Ich will Ideen verwirklichen und nicht fremdbestimmt sein durch Aufsichtsratsvorsitzende oder Gewerkschaften". Als Berufswunsch gibt sie Indiana Jones oder Managerin eines Formel I Teams an... Wer an so großen Rädern dreht, muss sich über die Kriterien Kompetenz, Intelligenz, Durchsetzungskraft, Führungsqualität und und und qualifizieren. Bei Callis Fernsehshow dürfen die Delinquenten kleine Spiele spielen. Oder wie der gemütliche Reiner sagt: "Das Prinzip ist ja dasselbe, ob man nun einen Weltkonzern leitet oder Würstchen verkauft". Genau das mussten die strebsamen Mitglieder der spätkapitalistischen Gesellschaft tun. Würstchen verkaufen! Schwierige Sache, Frankfurter Würstchen (in Bayern auch Wiener Würstchen genannt) auf den Straßen von Frankfurt an den Mann/Frau zu bringen. Das Ergebnis war desaströs, trotz Einsatz aller zur Verfügung stehender Mittel stellte sich heraus, dass der Standort Frankfurt für ein Produkt bestehend aus Schweinefleisch (72%), Trinkwasser, Nitritpökelsalz, Gewürz, Zucker, dem Emulgator E471, Antioxidationsmittel, Geschmacksverstärker, Naturdarm und Buchenholzrauch nicht reif ist. Nicht einmal das Argument Sex konnte die Kundschaft wirklich überzeugen. Die Ladies gewannen trotzdem knapp. Wenn die Serie nicht vorher abgesetzt wird, werden wir in knapp drei Monaten wissen, wie die Hoffnung der deutschen Wirtschaft heißt. Immerhin, Namen haben sie noch individuelle, die Menschen die von sich sagen "ich eigne mich charakterlich wenig als Angestellte" und "eventuell ein schriftstellerisches Talent" besitzen. Mit Musik hat das alles nichts zu tun. Das hat der Leser dieses Magazins inzwischen lange bemerkt. Obwohl, ein bisschen schon. Ich kenne diese Kerle nämlich allesamt! Nachtrag: Ich weiß jetzt auch, warum es egal ist, ob man Würstchen verkauft oder eine Firma leitet. Man muss Spaß dabei haben und darf nicht wie das Schaf vor dem Schafott sitzen und sich mühsame Sätze abringen. Und ich weiß, warum es nicht egal ist: Man sollte Ahnung von seinem Geschäft haben! Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.10.2004
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