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Mein Lieblingsblatt tituliert: "Rockin' after Mitleid". Nein, Mitleid muss man nicht haben mit den Herren Jagger, Richards, Wood, aka THE ROLLING STONES. Auch nicht, wenn sie neuerdings die Dienste eines dänischen Gerontologen in Anspruch nehmen. Seniorenmanagement für Rocker ist offensichtlich ein zukunftsträchtiger Job. Erste Maßnahmen: Anschaffung eines Teleprompters für Mick Jagger, Informationen über altersgerechte Sportarten für Keith Richards (auf Bäume klettern ist out, Gymnastik und Wassertreten sind empfohlen), Suchtpräventionsseminare und alternative Partyspäße (Lachgas statt Schnaps) für Herrn Wood.
Glücklicherweise konnten die Gentlemen die Unkosten für diese zweifellos teuren Vorsorgemaßnahmen auf der kürzlich überstandenen Tournee wenigstens teilweise einspielen, so dass die Zusatzkosten für die Krankenkassen überschaubar bleiben sollten.
Mitleid mit Ozzy? Ach was, der tattert sich momentan zu seiner nächsten CD und weiß (weiß er es wirklich?) selbst am besten, warum er heute so ist wie er ist.
Mitleid mit Peter Green? Schon eher. Obwohl der sich den Verstand vor Jahrzehnten mit seinen abstrusen LSD-Experimenten auch selbst ruiniert hat. Wo er momentan vor sich hindämmert ist nicht bekannt (Gerüchte sprechen von Schweden, belegt ist allerdings ein längerer stationärer Aufenthalt in einem britischen Pflegeheim vor einigen Jahren). Sein "Brother in mind" (sorry, "mind" ist an dieser Stelle eigentlich nicht angebracht), Syd Barrett, hat es bekanntlich seit dem 7. Juli dieses Jahres final überstanden.
"Rockin' after Mitleid" bezieht sich auf einen, der seit mehr als fünfunddreißig Jahren als potentieller Rock'n'Roll-Märtyrer auf der Nachrufliste ganz weit oben steht und es trotz aller Bemühungen immer noch nicht zur letztgültigen Berühmtheit geschafft hat: Johnny Winter.
Der Mann war in Woodstock dabei (jedoch nicht auf den zugehörigen LPs und dem Film - welch weise Entscheidung seines Managers...), besitzt in Europa und speziell in Deutschland seit dem legendären Auftritt 1979 beim Rockpalast Kultstatus und schleppt sich dieser Tage wieder durch hiesige Konzerthallen. Besser: Er wird geschleppt.
62 Jahre ist Johnny Winter alt und man könnte ohne weiteres auch jede Behauptung glauben, dass er 88 sei. Sitzend, beinahe bewegungsunfähig und inzwischen wohl gänzlich erblindet quält sich der größte weiße Bluesrockgitarrist aller Zeiten und annähernd lebenslange Drogenvernichter durch einen für ihn geköchelten Blues-Schonkostbrei, der außer Tränen in den Augen des Betrachters allerhöchstens noch Verwunderung über die vermutlich nur noch unterbewusst aufblitzende Genialität Winters hervorruft. Feeling, Wille und Intensität sind noch da - alleine die Umsetzung funktioniert nicht mehr.
Die Hallen sind voll, das Publikum zollt Johnny Winter Respekt - oder ist es einfach nur Katastrophentourismus, um zu sehen, ob er das jeweilige Konzert übersteht? - und seine Band unterstützt den zusammengesunkenen Albino nach Kräften, allerdings nicht besonders übersensibel.
Wenn die altbekannten und zwangsläufig deutlich verlangsamten Läufe auf der Gitarre kommen, wenn die Reststimme sich noch knapp bis zur anderen Seite des Highway 61 durchschlägt (die andere Straßenseite, nicht das andere Ende!), leuchten die Augen der Leute in den Sälen und so mancher vergisst, was für ein Unikum Winter früher einmal war und es heute nicht mehr sein kann.
Die Tour findet statt, weil Johnny Winter per Gerichtsentscheid dazu verurteilt wurde. Bei seiner letzten Konzertreise durch Deutschland im Jahr 2003 verschwand er nämlich nach einigen wenigen Auftritten bei Nacht und Nebel mitsamt der vorab kassierten Gage. Man kann durchaus bezweifeln, dass dies von ihm ausging. Winter war Zeit seines Lebens Büttel seiner Manager und sein vorletzter (Teddy Slatus, über viele Jahre der Strippenzieher im Hintergrund; er verstarb 2005) war ein besonders ausgebufftes Exemplar dieser Spezies.
"Good Will Tour 2006" steht auf den Plakaten, jedoch darf bezweifelt werden, dass es auch der Wille des kranken Mannes auf der Bühne ist. Meiner ist es auch nicht. Ich will meine Helden vergangener Jahre nicht so sehen. Abschied kann man auch anders, würdevoller, nehmen.
Es ist natürlich nicht so, dass sich ein Johnny Winter mit heutigen Konzerten selbst demontieren könnte. Dazu ist er viel zu schwach und überlebensgroße Statuen lassen sich nicht so einfach entsorgen. Aber leiden muss man diese Menschen deswegen nicht lassen.
Dies ist gänzlich ohne Mitleid gesagt.
Bitte! Schickt uns nicht noch mehr der "Großen Alten" auf bittere Farewell-Tourneen. Wir haben alle ihre Platten im Schrank stehen, hören sie beizeiten und glauben daran, dass sie immer so sein werden wie sie damals waren. Lasst uns die Illusion.
Keep on rockin' and rollin'
don't ever settle down
keep my records playin' all the time
spend your money on my concerts every time I come to town
and maybe you can be a friend of mine.
("Love Song To Me", Johnny Winter, 1974)
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