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Editorial:
Einer runden Lady zum 80. Geburtstag |
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Wenn die heutige Jugendgeneration ihre Lieblingsmusik hören möchte, geht sie in irgendeinen von diesen riesigen sterilen Einkaufstempeln und greift sich aus tausenden von CDs eine heraus. Die anderen digitalen Medien hab' ich jetzt einfach mal ignoriert, weil die der wachsenden individualisierten Musikaufnahme via Ohrstöpsel nur noch das digitale Sahnehäubchen aufsetzen. Dann wird der kleine Silberling zu Hause oder schon im Auto in den Player eingeworfen und mit lautem Bumm Bumm und schnellen Beats durch die Gehörgänge gejagt. Schneller Konsum, schnelles Vergnügen und zumeist dumpfes Wegdenken, als könne man etwas verpassen. Am 17. September 1931 wurde, als Folge einer langen und umständlichen Entwicklung, in New York die erste wirkliche Langspielplatte mit 33,5 Umdrehungen pro Minute vorgestellt. Seither sind der Durchmesser, die Umdrehungszahl und eine Spielzeit bis zu 23 Minuten weltweit Standard und die Langspielplatte als Musikmedium aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Mit der einsetzenden musikalischen Pop-Kultur im Zeitalter des Rock'n'Roll wurde die LP zum Massenmedium und außerdem zum Objekt privater Sammlerleidenschaft und später auch zum Inhalt tiefphilosophischer Fangespräche und Deutungstheorien.
Es gibt Cover, da sind kleine Spiele in Form einer Drehscheibe (LED ZEPPELIN "II") eingearbeitet, in eine andere wiederum ist ein kleines Fensterchen gestanzt, durch das man in ein anderes Universum blicken kann (Cat Stevens "Numbers") und es gibt auch eine, da stehen beim Aufklappen vier kleine Musikermännchen auf (JETHRO TULL "Stand Up"). Es gibt ein Cover mit einem kleinen Spiegel zum Hineinsehen (URIAH HEEP "Look At Yourself") und ein anderes, bei dem man mit einem Hologramm spielen kann (UB40 "44"). Selbst eine Scheibe mit einem darin enthaltenen Bastelbogen für den Bau eines Raumschiffen (ELO "Out Of The Blue") gibt es zu entdecken.
Lyrics, Fotos und Grafiken vermitteln einem dann die Inspiration, tief in die Musik der jeweiligen Langspielplatte einzutauchen, wenn man endlich die runde Scheibe behutsam auf den Plattenteller gelegt und den Tonarm herabgesenkt hat. Dann hat man auch den Zustand der inneren Ruhe erreicht, der dazu führt, dass man die Musik in all ihrer Vielfalt und Schönheit genießen kann. Nichts da, von wegen schneller Musikorgasmus - der Weg zum Sound ist das Ziel und der dauert auch länger, zumal viele der Platten einem inhaltlich geschlossenem Konzept oder einer Idee folgen. Da muss man schon hinhören wollen und die nötige Zeit mitbringen. Es ist, im übertragenen Sinne, wie ein Ticket an der Theaterkasse zu kaufen, die Garderobe abgeben und sich eventuell mit einem Glas Wein in der Hand für eine ausgedehnte Weile der Musik hinzugeben. Selbst dann, wenn die Musik von "Made In Japan" mit der Stimme von Ian Gillan und der Gitarre von Ritchie Blackmore im Stereo-Sound aus den Boxen kracht oder einem die urigen Folk- und Bluegrass-Klänge der NITTY GRITTY DIRT BAND durch die Gehörgänge tanzen. Bis in heutige Zeiten, da digitale Medien eine Übermachtstellung inne zu haben scheinen, hat sich das Vinyl eine gesonderte Position für Liebhaber und Genießer erhalten. Zudem ist es kein Geheimnis, dass immer noch sehr viele Hörer und Musikfreunde den analogen Klang der Schallplatte der digitalen Reinheit der CD vorziehen. Es klingt einfach natürlicher! Das sehen auch viele Stars so und deshalb verwundert es nicht, dass auf der letzten LP von Neil Diamond ("12 Songs") gleich mal zwei Songs mehr drauf sind, als die 12 der CD und auch Marianne Faithfull hat auf der Vinylausgabe von "Horses And High Heels" zwei Songs zusätzlich untergebracht. Zudem sind die Ausgaben in Vinyl meist aufwendiger und mit zusätzlichen Extras gestaltet, mal ganz davon abgesehen, dass Vinyl heute auch farbig und durchsichtig sein oder leuchten kann. Selbst eine Laser-Gravur auf der Vinyl-Scheibe (STYX "Paradise Theatre") ist keine Seltenheit. Das Auge kauft und genießt mit und so soll es auch bleiben.
Heute vor 80 Jahren, so kann man sagen, wurde der Grundstein für diese Art des Musikhörens gelegt, als die 33er Langspielplatte erfunden wurde und ich bin frech genug, der runden Scheibe herzlich zum 80. Geburtstag zu gratulieren und ihr noch mindestens weitere 80 Jahre Dasein zu wünschen, damit noch meine Enkel und Ur-Enkel Freude und Genuss an der Plattensammlung ihres Opas und Ur-Opas haben können. Was dann so manche Scheibe an Wert darstellt, ist dabei unerheblich. Musik machen und hören ist eine Frage des Herzens und eine Art Lebensgefühl, das die Langspielplatte widerspiegelt. Sie nimmt und gibt mir die dafür nötige Zeit und Ruhe. Hartmut Helms, (Artikelliste), 17.09.2011
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