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Liebe Anouschka,
bei jedem Interview fragt man sich, wie man sich am besten dem Künstler nähert, so dass der etwas von sich erzählt, die Leser bei der Stange bleiben, und man selbst nicht in die Routine der ewig gleichen Fragen verfällt.
Versuchen wir es mal so: was erzählt uns also das Cover? Da steht also eine junge Frau offensichtlich in einem amerikanischen Auto vor einem US Briefkasten, der Name Anouschka deutet auf osteuropäische Vorfahren hin, der Name Pearlman gar auf jüdische Vorfahren (sagt man jüdisch? Keine Ahnung!), sie lebt in Berlin und ihr bester Freund ist ihre Hündin Jasmine (denn sonst hieße das Album vielleicht anders und ein Bild eines Mannes wäre zu sehen). Und sie guckt den Käufer so ein kleines bisschen desillusioniert an, oder als wolle sie sagen:"Und, was willst Du denn, ey, Alter?". So - an American in Berlin? Und da sind dann noch diese Hippie Blumen, etwas verspielt. Eine etwas verspielte, etwas desillusionierte, junge Frau mit möglicherweise europäischen Vorfahren back to the roots in Berlin? Oder ist das alles viel weniger prosaisch? Was davon ist Anouschka, was nicht?
In den späten 80ern machte ich Comedy Improvisation in New York. Da gibt es ein Sprichwort: "Ich weiß nicht, wo ich landen werde, aber ich weiß, wo ich gewesen bin." So fühlte ich mich zu der Zeit, als ich mein Konzeptalbum " My Kind of Heartbreak " zusammen stellte. Jeder Song handelt von einer bestimmten Art, das Herz gebrochen zu bekommen; von der Ernüchterung des Suchens nach Musik und des in seinen Träumen leben über die "richtigen" Dinge zu tun ohne dafür die gerechte Belohnung zu bekommen, bis hin zu unerwiderter Liebe und Sehnsucht.
Ich hatte meinen Hund Jasmine, die ich in einem Tierasyl in LA gefunden hatte, und meine Gitarre. Wir lebten seit fünf Jahren in Schweden und ich konnte keine Arbeit finden, hatte keinerlei Chancen auf irgendetwas, keine Freunde - nichts. Ich war in Schweden geboren worden, und hatte die romantische Idee vom 'Nach Hause kommen'. Aber da gab es kein 'Zuhause' für mich. Also machte ich eine emotionalen Kassensturz, beendetet die Songs, nahm das Album auf, und verließ Schweden - obwohl ich ursprünglich gehofft hatte, nie wieder umzuziehen. Also bin ich das auf dem Cover, die sich wieder auf den Weg macht - keine Ahnung wohin, aber zurück blickend und die Stagnation sehend, die ich da zurück ließ.
Was Berlin angeht, wusste ich nun überhaupt nicht, wo ich hingehen sollte. Ich fand damals heraus, dass es ein Wort für Leute wie mich gibt:"Third Culture Kid" (TCK, Drittkultur Kinder). Das sind Kinder, die außerhalb der Kultur ihrer Eltern aufgewachsen sind. Ich wuchs auf, indem ich ständig umgezogen bin - bedingt durch den Beruf meines Vaters in der Army in den USA, England und Asien. Ich hatte ein bisschen US Kultur, etwas schwedische Kultur, und viel von allem anderen! Es ist typisch für TCKs, sich nicht zu irgendetwas zugehörig zu fühlen, und man ist sehr ruhelos. Man sagt außerdem, wir seien sehr offen und tolerant, was in den mehr konventionellen Kulturen als unangemessene Freundlichkeit und Schwäche verstanden werden kann.
Mein Bruder war häufiger in Berlin gewesen und dachte, das wäre der richtige Ort für die Art Leute, wie ich einer bin. Er schenkte mir eine Reise nach Berlin zum Geburtstag (ich war total pleite). Ich übernachtete im Rock'n'Roll Hostel in Kreuzberg 36 und fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben akzeptiert. Ich wusste vom ersten Augenblick an,. das Berlin meine Stadt ist. Die Leute, die ich auf der Straße traf, waren freundlich, hilfreich und menschlich, aber nicht naiv. Jeder lebt auf Messers Schneide und folgt seiner Intuition. Niemand verurteilte mich oder machte selbstgerechte, schneidende Bemerkungen über wie seltsam es doch sei, Musik zu machen und keiner "normalen Karriere" zu folgen, also dem üblichen "Kinder, Kirche, Küche". Einige Monate kehrte ich für immer mit Jasmine, meiner Gitarre und zwei Taschen zurück nach Berlin. Ich zog in eine WG in X-berg 36 und begann mein 16. Leben!
Der Name Anouschka bedeutet "kleine Anna", Mein Vater ist jüdischen Glaubens, meine Mutter eine schwedische Protestantin. Ich während meiner Kindheit bei beiden Namen gerufen, aber als Erwachsene ist davon nur Anouschka geblieben, und das ist auch der Name in meinem Pass. Und so behielt ich den als meinen Künstlernamen. Der Grund dafür, dass ich keinen Nachnamen benutze ist der, dass meine Eltern sich unter sehr bitteren Umständen scheiden ließen, und ich nie wusste, welchen Namen ich annehmen sollte, um mich auf keine Seite zu schlagen. Ich wollte, dass meine Kunst frei von ihnen ist. Ich benutze den Namen meines Vaters bei der Arbeit, da meine Mutter wieder verheiratet ist und die Leute wohl einen Nachnamen brauchen, um jemanden einzusortieren.
Offensichtlich kann Anouschka Gitarre spielen, und ebenso offensichtlich kann sie ein paar Studiocracks herbeirufen, die ihr Album veredeln. Ist Anouschka so bekannt - wie lange bist Du schon im Business, und wie kommst Du zu dieser Backing Band? Das Du so eine Band verdient hast, steht außer Frage.
Ich freundete mich in Schweden bei Jam Sessions mit einigen sehr netten Musikern an - wie z.B. den Amerikanern Chuck Anthony und James Bradley Junior. Die spielen auf dem Album. Sie waren so freundlich, mich "aufzunehmen". Bis zum heutigen Tag spielen wir zusammen, und ich liebe sie von ganzem Herzen. Die sind alle total verrückt und haben einige sehr wilde Stories zu erzählen. Wir hofften sehr, einen Promoter zu finden und auf Tour gehen zu können. Ich habe in Schweden so sehr versucht, eine Tour zusammen zu bekommen, aber niemand war interessiert. Ich hab's auch in Deutschland versucht. Die Club Booker und haben sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, meine Musik anzuhören, mir die Hand zu schütteln oder mit mir zu reden. Über die Jahre hinweg ist mir klar geworden, dass Du als Künstler jemanden anderes finden muss, der für Dich spricht - besonders als Frau, die ihr eigenes Ding durchzieht.
Hört man Deine Musik, fragt man sich, wie und wo Du so singen gelernt hast. Man könnte fast denken, dass Du in Deiner Jugend mehr Billie Holiday als Buddy Holly gehört hättest und Deine Art zu singen daran geschult hast (am Jazz und Country also)?
Ich habe angefangen, auf Kassettenrekorder aufzunehmen, als ich vier war. Ich hörte so viele verschiedenen Stile wie World, Jazz, Pop, Rock ohne zu wissen, was das alles war, bis ich erwachsen wurde. Daher war ich von allem beeinflusst ohne es zu kategorisieren. Als ich 12 wurde habe ich mir das Gitarre spielen und Songwriting selber beigebracht. Mit 28 ging ich ans Berklee College of Music in Boston um richtig Musik und Gitarre zu studieren. Damals verstand ich dann auch, was es heißt, zu arrangieren, phrasieren, Texte zu schreiben usw. Ich treffe schon sehr bewusst künstlerische Entscheidungen, versuche aber, dem eigentlichen Song treu zu bleiben. Jeder Song hat seinen Platz, an den er gehen will. Du "dienst" dem Song. Ich habe die Vorgehensweise eines Improvisators beim Performen der Musik und die eines Punk wenn es darum geht, warum ich Musik mache (erschaffe das, was Du fühlst, ohne Beachtung irgendwelcher Konventionen). Ich mache auch gerne mal das Unerwartete, was das Genre, Arrangement oder die Lyrics betrifft.
Ich liebe Jazz, Blues und Rock. Ich mag dunkle, persönliche Stimmen. Da ich auch eine Schauspielerin bin mag ich es, wenn man Gefühl und Dinge schön durcheinander wirbelt. Das hübsche Gesinge vieler Mädchen ist ganz nett, aber am Ende langweilt mich das nur. Ich mag lieber Sängerinnen wie Cher (die auch immer neben dem Ton liegt), Marianne Faithful (deren Timbre die Brüche in ihrem Leben wiederspiegelt) oder Nina Hagen.
Ich wurde sehr für meine Art zu singen kritisiert. Manche Leute sagen, meine Stimme regt sie auf und dass meine Intonation beim Singen danebenliegt. Das stimmt zwar, aber das ist nicht schlimmer als bei anderen Sängern. Heutzutage, mit all dieser modernen Technologie, ist jeder daran gewohnt, dass die Dinge perfekt klingen - keiner weiß mehr, wie die menschliche Stimmen ursprünglich geklungen hat. Viele Leute, mit deren Musik ich aufwuchs - Tom Waits, Bob Dylan, Dire Straits, HEART, DOORS und LED ZEP - keiner von denen hatte eine perfekte Intonation oder gar traf gar die richtige Tonhöhe ; und - wen störte das?
Es ging bei Ihnen um Haltung, Lifestyle, Persönlichkeit und die Message - und sie waren einfach nicht zu imitieren. Das ist mein Ziel als Sängerin, als Künstler, Songwriter und Musiker … Ich war nie eine "nice and simple-girl". Ich war immer komplexer, etwas verwundet und ein Nachzügler. Ich hatte eine wilde Jugend, schlechte Männer und bin bis jetzt öfter um die Welt gekommen als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Ich musste die Dinge auf meine eigene Art zusammenbringen. Ich habe gute, starke Texte, Charisma, und kann zwei Instrumente ganz gut spielen. Ich kann eine Band führen und im Sinne des Wortes etwas produzieren.
Also ärgert mich das, wenn jemand nichts weiter zu sagen hat als dass ich keine gute Sängerin bin, besonders wenn so viel Männer, die einfach Scheiße klingen, da draußen jede Menge "Cred" bekommen nur, weil sie Männer sind und das für einen Mann alles "cool" klingt. Manchmal glaube ich, dass die Gesellschaft so verblödet ist, dass das, was sich am besten verkauft, der kleinste gemeinsame Nenner mit jede Menge Geld dahinter ist - nämlich Mittelmäßigkeit.
Welche anderen Künstler haben Dich beeinflusst, insbesondere, was Deinen Gesang angeht?
Suzanne Vega, Rickie Lee Jones, Melissa Ethridge, Marianne Faithful, Sting, Keith Jarret, Milton Nacimento, Billy Joel, Eric Clapton, Stevie Nicks, Billie Holiday, Dire Straits, Earth Wind and Fire, Carpenters, Doors, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Sex Pistols, RAMONES, SIOUXSIE AND THE BANSHEES, Debussey, Irving Berlin:
Was würdest Du gerne tun?
Mein Ziel war es immer, eine gute Bookign Agnecy zu finden und größere Gigs, um eine Band zu bezahlen und auf Tour gehen zu können. Die Plattenfirmen haben mir im Lauf der Jahre immer wieder erzählt, dass ich zu alt sei, da ich mit 28 angefangen habe. Ein Label Manager in Schweden erzählte mir, dass Frauen, die älter als etwa Bonnie Raitt sind, nur dann noch im Business erlaubt sind, wenn sie als Teenager ihnen Durchbruch hatten. Die Ironie ist, dass so viele diese alten Männer, die das Business managen, nur wegen eben dieser Idole, die es nie geschafft hätten, wenn sie auf den Ratschlag der Manager gehört hätten, noch im Business sind,. Ich denke, ein Künstler zu sein, heißt, Deine Kunst zu leben und mit ihr zu wachsen und alt zu werden. Da ist eine ganze Zuhörerschaft da draußen, die Künstler über 35 mit 'balls' und Erfahrung schätzt, aber keiner in der Industrie will sich um diesen Markt kümmern, weil jeder so auf die Jugend fixiert ist.
Und was steht nun als nächstes an? Ich hoffe doch, Dich irgendwann in Deutschland auf Tour sehen zu können.
Ich will meine Art, meine Erfahrungen und wie ich mich ausdrücke, nicht ändern - ich denke, dass das genau das ist, was mich als Schreiber und Performer ausmacht. Ich beende gerade ein Album und habe Geld im Lauf der letzten zwei Jahre gespart, und werde es mir leisten können, bei ausgewählten Auftritten zu performen. Auf dem Album ist ein Song, den ich mit dem afrikanischen Tierschützer Gareth Patterson geschrieben habe. 50% des eingespielten Geldes gehen an seinen Verein zum Schutz wilder Tiere. Der Song heißt "Dying to Be Free" und ist gegen "canned lion hunting" (das Jagen von Löwen in einem umzäunten Gehege, damit der Jäger auch sicher zum Schuß kommt) und Trophäen Jagd. Ich bin sehr aufgeregt und freue mich über Projekte, wo ich meine Musik und Zeit auf der Bühne für einen guten Zweck nutzen kann. Ich werde irgendwann die Rock'n'Roll Oma sein!.
Gut dann, Oma - ich werde dann hoffentlich der Rock'n'Roll Uropa-Reviewer sein, der Deine Musik bespricht. Alles Gute!
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