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Crosby & Nash

Berlin, Admiralspalast, 20.10.2011

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Fotos: Hartmut Helms
Berlin, Admiralspalast, 20.10.2011

Sie haben die populäre Musikwelt aufgemischt, sie neu sortiert und mit Inspirationen gespickt, wie kaum noch jemand nach ihnen, und dies alles zu den Zeiten der BEATLES, der ROLLING STONES und WHO sowie in Gegenwart von Bob Dylan. Sie sangen den Soundtrack ganzer Generationen und lieferten die begleitenden bissigen Kommentare zu Studentenprotesten oder gegen den Vietnamkrieg.
Unpolitische Aussagen in Rockmusik - aber ohne CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG! Wer da meint, Helpless wäre einfach nur ein schönes Liebes- und Ohio ein Wanderlied, der kommt womöglich auch auf die Idee, dass Teach Your Children einfach nur ein Kinderliedchen wäre. Nein, die vier Herren waren es auch, die bereits 1988 in This Old House die spätere Finanzkrise "im Voraus ahnten", als sie sangen: "There's a garden outside she works in every day, and tomorrow morning a man from the bank's gonna come and take it all away" ("American Dream").

Graham Nash verließ einst die erfolgreiche Pop-Gruppe THE HOLLIES, weil ihm nach mehr, als nur guten Chart-Positionen war. In den USA traf er auf David Crosby von den BYRDS und Stephen Stills von BUFFALO SPRINGFIELD. Gemeinsam waren sie CROSBY, STILLS & NASH, zu denen sich erstmals für das Album "Déjà vu" (1970) auch Neil Young gesellte.
Von da an trafen sie sich in immer wieder unterschiedlichen Konstellationen im Studio und auf den Bühnen, um Musik zum machen und Meinungen zu formulieren. Diese Vier einmal selbst live zu erleben, hatte ich nie zu hoffen gewagt, doch gerade die Hoffnung, so weiß man, begräbt man zuletzt.

Admiralspalast

Immerhin 50 Prozent C,S,N&Y live in Berlin auf der Bühne des Admiralspalastes. Mehr könnten die BEATLES auch nicht mehr aufbieten und deshalb traf ich im Foyer des Hauses auf lauter Gesichter, die alle irgendwann mit mir in einem Klassenzimmer hätten sitzen können. Einigen hingen die grauen Locken sogar noch bis weit auf die Schulter. Man war, bis auf wenige Ausnahmen, unter sich und beim Riskieren neugieriger Blicke direkt vor der Bühnenkante, schien man Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft zu sein. Ich hatte das Gefühl, vor einem Altar zu stehen, der bald zu einem ganz irdischen Tummelplatz göttlicher Vokal-Harmonien werden würde.

Admiralspalast

Sie kamen auf die Bühne und das ausverkaufte Haus wurde von einem Orkan der Begeisterung erfasst. Knappe Verbeugung zweier schlohweißer Häupter, die Gitarren umgehangen und dann tobte ein Sturm zu uns herunter. Erste Überraschung ist eine Hommage an steinalte BYRDS-Zeiten, denn David Crosby und Graham Nash lassen Eight Miles High erklingen. Über den scheppernden Gitarren erheben sich zwei der schönsten Stimmen, die Rock'n'Roll singen, acht Meilen hoch. In meinen Gedanken gelingt der Zeitsprung zum Dylan-Konzert im Treptower Park 1987, als McGuinn mit den HEARTBREAKERS ebenfalls diesen Klassiker in die Nacht der untergehenden DDR jubelten.
Nach diesem Einstieg dreht das Duo Silbergrau, beide bringen gemeinsam beinahe 140 (!) Lebensjahre auf die Bühne, richtig auf und mit Wasted On The Way und Long Time Gone sind wir mittendrin, wenn auch das Gefühl schon "lange her" ist. Jetzt ist es wieder da! Die Songs leben und verstrahlen eine ganz eigene Aura, die aus perfekt miteinander harmonierenden Stimmen und einer einfühlsam agierenden Band gewebt ist. Manchmal scheint es, als würde das ganze Quartett von einst da oben stehen und die alten Hymnen wie Lay Me Down anstimmen, denn an den Tasten sitzt einer von David Crosbys Söhnen, James Raymond, und keine Frage, dessen junge Stimme passt wie angegossen zu denen der beiden Zauberer. Wie brillant so eine Stimme mit 70 zu erzählen vermag, zeigt Crosby, als er Slice Of Time, einen seiner neuen Songs vorstellt. Er steht alleine, wenige Reihen vor mir auf der Bühne und jeder noch so kleine Hauch ist gewollt, schwingt im Raum und berührt die vor ihm sitzenden Herzen.
Der Amerikaner David Crosby lässt es sich nicht nehmen, die Deutschen für ihren Weg in den Atomausstieg zu loben und er erinnert sich in den historischen Gemäuern des nun wieder Admiralspalastes und einen Steinwurf von einer überwundenen Betonmauer daran, dass die Band in den Tagen des Mauerfalls spontan nach Berlin kam, um einfach so ein Konzert zu geben. Graham Nash findet wütende Worte dafür, wie unverhohlen Wirtschaft und Politik die Menschen immer mehr in die Armut jagen: "Sie benutzen unseren Steuern, um die Regierung zu schmieren." Crosby hat ein bissig-böses Lied daraus gemacht, wofür er und dafür, dass er They Want It All (Sie wollen alles) immer noch in alter Schärfe singt, ernten sie beide Beifall. Auch für den Marrakesh Express, den sie den Berlinern widmen und für die Ankündigung, bei ihrer Rückkehr in die Staaten für die "Okkupanten der Wall-Street" zu singen.

Crosby & Nash

Songs For Beginners Vor 40 Jahren veröffentlichte Nash seine "Lieder für Anfänger" ("Songs For Beginners", 1971) und daraus hörten wir eine hinreißende Version von I Used To Be A King. Die vierköpfige Band agiert dezent und in bester Spiellaune hinter den beiden Stars. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Hingabe einerseits und präziser Spielweise andererseits der junge Gitarrist Dekan Parks den Part von Stephen Stills ausfüllt, ohne ihn auch nur für eine Sekunde zu kopieren.
In den ganz großen Momenten des Konzerts bedienen sie sich am Material ihrer wohl schönsten und unglaublich kompakten Liedsammlung, mit deren Titelsong Deja Vu sie uns zu Begeisterungsstürmen verführen. Wie ein Orkan bricht die ganze Wucht aus Gitarrensaiten und vertrackten Vokalharmonien über uns herein, diese einmalige Mischung aus gelebtem Zeitgeist, gemeinsamer Lebensfreude und bissigem Protest gegen schmutzige Politik und genau dieser Mischung wegen, die noch immer so frisch klingt, ist das alles so wahnsinnig aktuell und glaubhaft. Als wären Songs wie Military Madness von Graham Nash erst gestern geschrieben und nicht vor vier Jahrzehnten. Jeder der Musiker hat in dieser ausschweifenden Version Gelegenheit, sein Können zu präsentieren, während die Stars bescheiden unser Augenmerk auf sie richten.
Déjà vu Wir erleben die Sehnsucht nach häuslicher Idylle der Hippiezeiten mit Our House und mit Guinnevere eines der schönsten Liebeslieder, das jemals geschrieben wurde, so Graham Nash. Beinahe ganz allein, nur mit seiner Gitarre singt uns Nash (I am A) Simple Man und alle gemeinsam berauschen sie uns stimmungsvoll mit (Winchester) Cathedral aus dem Jahre 1977. Nash erzählt dem Auditorium, dass sie sich vor Konzerten stets stimmlich fit machen und dabei auch die Lieder anderer Künstler singen. Dies zu demonstrieren begeben sich Nash und Crosby gemeinsam mit dem Gitarristen Dekan Parks zum Mikro und dann hören wir eine einzigartige Version des alten BEATLES-Klassikers Black Bird. Da blieb mir nur noch der Atem stocken und mit Staunen stelle ich mal wieder fest, dass all die Songs meiner späten Jugend ganz und gar nicht abgenutzt klingen und die beiden Helden da vorn nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, es würde ihnen anders gehen. Denen merkt man den Spaß in jedem Moment und bei jedem Ton an und auch, dass sie sich und ihr Werk dabei selbst nicht so wichtig nehmen. Die einstigen Blumenkinder mit weißem Haar sind weise und die ineinander verzähnten Finger von Crosby sollen zeigen, dass ihre Stimmen nur gemeinsam klingen. Mir ist, als würde ich zwei alten Kumpels zuschauen und ihren gesungenen Erzählungen aus meinem eigenen Leben lauschen.

Crosby & Nash

If I Could Only Remember My Name Da sitze ich nun, einer der diese ganze Zeit bewusst gelebt und die Musik ebenso bewusst, fast wie Kult behandelnd, erlebt hat und komme aus dem Staunen nicht raus. Verdammt, ist das schön, sich solcherart verführen und genussvoll überwältigen zu lassen. Da kenne ich beinahe jeden Song und fast jeden Ton und dennoch ist dieses Live-Erlebnis und die unglaubliche Präsenz von David Crosby und Graham Nash ein einziges "Déjà-vu" und die Wiederkehr der einstigen Gefühle im Heute. Und während der Körper haufenweise Adrenalin verplempert, bricht mit Almost Cut My Hair noch so eine geballte Ladung über uns herein. Inzwischen hält es auch die ersten nicht mehr in ihren Sitzplätzen. Wir toben gemeinsam unserer Jugend hinterher und die da oben genießen den Abschlussapplaus, als wäre es ihr erster in deutschen Landen. Für einen kurzen Moment erleben wir das Ritual des Zurückziehens hinter die Bühne und dann das Wiederkommen im Jubelsturm.
Als Zugabe hören wir zwei der schönsten gesungenen Statements zur Zeitgeschichte mit Chicago und der Aufforderung "die Welt neu einzurichten" sowie das erwartete Teach Your Children, mit dessen gemeinsam gesungen Chorus auch die Bedeutung der Worte wieder irgendwo in der Berliner Nacht mit den "Festivals Of Lights" verhallen werden, wenn wir sie nicht endlich mit nach Hause nehmen, um sie in die Hände unserer Kinder und Enkel zu geben:

"Lehrt eure Kinder gut,
dass die Hölle ihrer Väter
langsam vorüber gehen wird
und schenkt Ihnen eure Träume."

Crosby & Nash

Man mag über die Träume jener Zeit und ihre musikalischen Protagonisten lächeln. Was sie uns mit ihren, und also auch meinen, Träumen sagen wollten, kann man auch noch im Heute verstehen. Die Zeiten haben sich zwar geändert, die Ungerechtigkeiten aber und die, die sie verzapfen, sind noch immer die gleichen und auch deshalb ist Teach Your Children nicht nur ein Lied, sondern auch ein wenig unser aller Vermächtnis.

Crosby & Nash

Hartmut Helms, (Artikelliste), 21.10.2011

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