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Erfurt, Museumskeller, 07.05.2005

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Museumskeller, Erfurt

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Fotos: Ingolf Schmock

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Erfurt, Museumskeller, 07.05.2005

Es ist wieder einmal ein verregneter Samstag, der mich zu einem erwartungsschwangeren Zusammentreffen mit den norddeutschen Kultrockern LAKE begleitet.
Lokaltermin ist im Erfurter Museumskeller, einer mittlerweile etablierten musikalischen Schatzkammer der handgemachten Musik jeglicher Couleur. In diesen historischen Katakomben wurde schon so manches tönende Kleinod zu Tage gebracht, und namhaften Künstlern und Bands ein intimeres Podium zu ihrem Publikum geboten. Zuweilen man in letzter Zeit feststellen konnte, dass insbesondere Bluesmusiker sich hier besonders wohlfühlten und dementsprechend den Löwenanteil der Kellerkonzerte bestritten.
Der Charme von altwürdigen steinernen unterirdischen Gewölben übte auf Musiker schon immer eine adäquate Anziehung aus und verlieh so mancher Darbietung erst die nötige Eigendynamik und musikalische Aura.
Leider hatten sich diesmal gerade mal schätzungsweise 30 Musikliebhaber in dieser Örtlichkeit versammelt, um den Zeitgeist der deutschen Rockszene in den 70ern für sich wieder zu entdecken, oder sich einfach eine klingende Seelenmassage zu genehmigen.
Ich hatte dann ganz überraschend vor dem Showdown noch das Vergnügen, von der Band zu einem Plausch eingeladen zu werden. Die schon etwas in die Jahre gekommenen Herren waren bei bester Laune und erzählten in lockerer Runde munter drauflos. Mächtig viele Gedanken gingen mir in diesen, für mich nachhaltigen Momenten durch den Kopf, und verführten mich fast dazu, vor Ehrfurcht zu erstarren, was aber letztendlich nicht geschah. Jeder einzelne in dieser Musikerriege hat eine gehörige Portion deutsche Rockgeschichte mitbestritten.
(Das Gespräch gibt es hier nachzulesen)

Lake Alex Conti (geb. 02.04.1952), der wohl beste aber leider auch unterbewertetste Gitarist in deutschen Landen, könnte schon alleine ganze Analen mit seiner musikalischen Laufbahn ausfüllen. Der sehr bescheiden und zurückhaltend wirkende Musiker startete schon 1969 seine Profilaufbahn. Seine musikalischen Stationen führten ihn unter anderen über ATLANTIS, LAKE (1975-80), ELEPHANT, Herwig Mitteregger, ROSEBUD, Inga Rumpf, RUDOLF ROCK & DIE SCHOCKER, und seit 1992 zur HAMBURG BLUES BAND. Nach einem ersten Anlauf im Oktober 2001 kam es später wieder zu Reformierung von LAKE mit einen neuen Line-Up. Detlef Petersen gab dazu seine volle Zustimmung, da er ja immer als Produzent und Komponist im Hintergrund mitarbeitete.
Lake Der gebürtige Schotte und Leadsänger Mike Starr (geb. 10.11.1947 in Edinburgh) arbeitete schon in den 70ern u.a. mit Rick Wakeman zusammen, durchlief dann Stationen bei COLOSSEUM II, THE ANIMALS, der Hamburger Hardrockband LUCIFER'S FRIEND, TONEBAND (waren mit Germany Calling 6 Wochen in den Top-Ten), DUESENBERG, um schließlich bei den neuen LAKE zu landen. Derzeit pflegt er unter dem Pseudonym Angel Montgomery in England eine Karriere als Country Musiker.
Lake Der Mann für die Tasten, Adrian Askew (geb. 31.03.1947 in Sheffield), spielte schon mit zarten 14 Jahren in diversen Bands, später dann bei TONY & THE KINGTONES, EDISON LIGHTHOUSE, THE FOUNDATIONS, Joe Cocker, ATLANTS und den Rock'n'Rollern RUDOLF ROCK & DIE SCHOCKER. War Studiomusiker bei Achim Reichel, TRUCK STOP, Wolfgang Michels und gleichzeitig Produzent bei TONEBAND und den letzten beiden Platten von KARAT. In letzter Zeit verlagerte er sein Arbeitspotential indes zum Komponieren von Filmmusiken.
Schlagzeuger Mickie Stickdorn (geb. 03.06.1954) startete 1979 seine Profilaufbahn als Studio- und Livemusiker u.a. bei Inga Rumpf, Heinz-Rudolf Kunze, Peter Schilling, ELEPHANT, Jennifer Rush, Georgie Red, Falco und ROSEBUD.
Bassist Michael "Bexi" Becker (geb. 17.08.1961) begann 1988 professionell beim Bremer Bluestrio NO MERCY um später bei der Hamburger Formation DIE ANTWORT zu agieren. Bestritt 1993 und 1995 mit der Rockoper "JFK" 60 Aufführungen mit anschließender Europatournee, und ist seit 1995 ein festes Mitglied bei der HAMBURG BLUES BAND.
Natürlich entbehrt diese Auflistung jeglicher Vollständigkeit, aber es soll in diesem Falle nur noch einmal veranschaulichen, wie umfangreich das bisherige Schaffensfeld und kreative Potential dieser Künstler war und auch noch ist.

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Ich denke Herr Conti hatte vor knapp drei Jahren recht getan, sich dieses Line-Up für einen Neubeginn, der einst im deutschsprachigen Raum und auf dem internationalen Parkett hochdotierten Band LAKE einzuberufen.
Nun ist diese hochkarätige Vereinigung in den deutschen Clubs unterwegs, um ihre erst kürzlich erschiene Studio-Produktion "The Blast Of Silence" (Mad As Hell Productions) livehaftig zu promoten.
Wer an diesem Abend allerdings nur Songs der legendären Mark I-Formation erwartete, war schief gewickelt. Es stand eine Mischung aus einigen Klassikern der Band und einigen Coverversionen, allesamt Favoriten von Herrn Conti, auf dem Programm. Das größere Stück von diesem zuckersüßen musikalischen Kuchen vereinnahmte aber das aktuelle Songmaterial, was auch für ein couragiertes Engagement der Protagonisten spricht.

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So wurden dann auch gegen 22.30 Uhr gleich, völlig unorthodox, drei neue Stücke unter die handvoll Rock'n'Roll-hungriger Menschen gestreut. Mit Night On The Town, einem der besseren Coversongs, ursprünglich aus der Feder von Bruce Hornsby, präsentierten die Herren ihren knackigen treibenden Beat, befreit von jeglicher Schwerfälligkeit, um mit Drive und Dynamik das verdutzte Publikum für das noch kommende aufnahmebereit zu stimmen.
Das sich anschließende, göttliche Let's Go To China, für mich einer der besten Tracks vom aktuellen Output, war an homogener Stimmigkeit nicht mehr zu überbieten. Der sonst sehr zurückgenommene Conti blühte hierbei richtig auf und strahlte übers ganze Gesicht, um sein erstes superbes Gitarrensolo im behüteten Rhythmusumfeld seiner Mitmusiker zu zelebrieren.
Diese Band, eigentlich schon eine Deutsch-Rock-Familie, vermittelte zu jeder Phase den Eindruck einer kompakten Einheit die gut miteinander harmoniert, was sich natürlich auf den gesamten Grundtenor der Musik effizient niederschlug.

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LAKE schlagen auch mit dem neuen Material gekonnt die Brücke zwischen den 70ern und der Gegenwart. Contis singende Gibson ES 345 beschwört geradezu den Zeitgeist der Röhrenverstärker und musikalischen Aufbruchstimmung in der Bundesrepublik Anfang der 70er. Eine Zeit, in der sich Musiker noch mit voller Lust dem Experimentieren hingaben, ohne irgendwelche Dogmen der Plattenindustrie, um einen sehr ureigenen, fast schon elitären Stil zu erschaffen.
In dieser Welt zwischen Persilwerbung und strahlender Clementine erblickte der Krautrock das Licht der Musikwelt. In der Endphase dieser Welle gaben die norddeutschen LAKE diesem sonst so gar nicht radiokompatiblen Sound ein neues Antlitz. Sie beherrschten die Kunst, Snobismus und Elitarismus, in ihren schmelzig, melodiösen Rock mit Pop-Appeal einzubringen. Ihre perfekte Vereinigung von exzellenten Hooklines und gewagten Akkordfolgen, immer in ausgefeilte Arrangements eingebunden, und ein herausragender Satzgesang, verhalf der Band auch zu Erfolgen über die Ländergrenzen hinaus, um sehr bald zum Kult zu avancieren.
Das Ende jenes denkwürdigen Jahrzehnts verdrängte die Kulturrevoluzzer von einst aus dem Blickfeld und strich sie lange Zeit aus dem Gedächtnis der Konsumenten. Um so mehr ist es eine Ironie des Schicksals, dass dieses verrückt-geniale Musikphänomen, durch die Medien wieder künstlich [künstlich? Red.] reanimiert wird (z.B. WDR-Rockpalast) und sich auch wieder gut vermarkten lässt.

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Der musikalische Laid-Back-Stil von Alex Conti's Mannen wurde schon immer vom typisch amerikanischen Westküsten-Sound durchströmt. Diese geliebten Trademarks transportieren LAKE auch noch nach drei Jahrzehnten auf ihrem neuesten Studioerguss und bei den Liveperformances. Diese Melange vereinte Here We Go Again, als dritter neuer Song des Abends, recht gekonnt, und setzte es exorbitant mit Groove und einer vollendeten Hammond-Einlage von Tastenbeschwörer Askew in Szene. Auf alle fünf Musiker wurden die Vokalparts aufgeteilt, um sich gegebenenfalls im wohldosierten Harmoniegesang (wie in alten Glanzzeiten) wiederzuvereinen. Es war schon erstaunlich, wie diese hohe Gesangskunst von Conti, Askew, Stickdorn und Becker, zu den Leadvocals Starr's rüberkam. Die anwesenden Betrachter honorierten es jedenfalls mit Beifallsbekundung und wurden sogleich mit dem ersten Klassiker, On The Run, belohnt.
Dieser Ohrwurm vom grandiosen 76er Debütalbum, erreichte als erste Singleauskopplung Platz No.1 in Deutschland, und begeistert auch heute noch generationsübergreifend die Musikliebhaber durch seine leichtfüßige, fluffige Melodie, mit eingängigem Refrain und emotionaler Nachhaltigkeit.

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Unter Livebedingungen entwickeln diese Ausnahmemusiker die einzigartige Fähigkeit, die emotionale Grundstimmung strukturell durch ausgedehnte Instrumentalteile auszubauen. Das mit einem drastischen Intro eingeleitete Loving You schwenkte sehr bald in die wohlproportionierten Bahnen und bewegte sich äußerst organisch und relaxt durch eben seine Instrumentierung. Vielleicht sollte Herr Conti einmal die Aufstockung um zweiten Gitarristen überdenken. Zumindest müsste er dann nicht live die Lead- und Rhythmusparts gleichzeitig übernehmen, was per se zu einer flüssigeren Intonierung beitragen würde. Gewiss entwickelten die "sekundstel" Pausen in den Gitarrenübergängen einen eigenen Charme, würden aber mit zweitem Gitarristen variabler und elaborierter rüberkommen.

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Das nächste gelungene Cover Drivin With Your Eyes Closed, ursprünglich aus dem Jahre 1984 und von Don Henley, geriet fast gänzlich zu einer agilen hochenergetischen Solo-Performance von Adrian Askew, der, losgelöst von seinem Hocker, zum Akrobat an seiner Hammond mutierte. Das Multitalent zeigte sich darüber hinaus während des gesamten Auftritts verantwortlich für den flächig zurechtgeschliffenen Keyboardbackground, der nicht unerheblich den typischen LAKE-Sound manifestiert.
Die wunderbare Donald Fagen/Walter Becker-Komposition Black Friday umgarnte das Publikum mit einem vielschichtigen Designer-Pop-Rock-Kostüm und einer statischen Rhythmik, die diesem Moment eine gewisse "sophisticated" Note verlieh.
Hochachtung vor Mikes Gesangskünsten, der sich stimmlich kaum vom ursprünglichen Sänger Jim Hopkins-Harrison unterschied. Der Schotte geizte nicht, trotz einer noch nicht ganz ausgeheilten Schilddrüsenerkrankung, mit den Oktaven. Dementsprechend hoch war auch sein Verbrauch an Halsbonbons, um den gesamten Abend stimmig zu bleiben.
Das danach anberaumte Medley von ein paar Songs aus den alten Tagen, hätte man sich eigentlich sparen können. Alex und seine Kollegen versuchten den treuen Fans damit etwas Gutes zu tun, und komprimierten die musikalischen Perlen auf ein Minimum. Ich glaube zumindest Key To The Rhyme herausgehört zu haben. An dieser Stelle sollte die Band vielleicht in Zukunft Time Bomb ins Programm nehmen, dann wäre es perfekt.

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Alex spielte sich beim grandiosen Dancin' With Steve in einen wahren Rausch und beflügelte mit seiner Saitenhexerei die spielfreudigen Kameraden zu instrumentalen Höhenflügen.
The Sun Will Shine, ebenfalls vom aktuellen Album, wurde von einem spannenden Bassmotiv angeführt, in dessen Verlauf die Gitarrenläufe wieder die Oberhand übernahmen. Es war einfach wieder herrlich anzuschauen, wie die Protagonisten ziemlich tight mit ihren Instrumenten untereinander kommunizierten, als wären sie bei einer Jamsession im Übungskeller.
Nach einem Exkurs in die glorreiche Karriere, mit dem Song Red Lake vom 78er "Lake II"-Longplayer und dem gewohnt groovigen neuen You Know How I Feel, huldigte man dann nochmals der "unbekanntesten Supergroup der Popmusik", STEELY DAN, deren kühler, facettenreicher Musizierstil wohl keine ebenbürtigeren Nachahmer finden konnte.
Im Geiste bzw. als Widmung an den 1991 verstorbenen LAKE-Sänger Jim Hopkins-Harrison wurde endlich die wohl emotionalste Komposition der Bandgeschichte, Jesus Came Down, stimmungsvoll präsentiert. Dieses sakral-anmutige, Bibel-TV taugliche Mini-Epos, erweckte bei den Zuhörern so manche endorphine Instinkte. (Dieser Song erreichte als 2.Singleauskopplung 1976 Platz 1 in Deutschland und 1977 Platz 17 in den USA)
Mit Say You Will aus "The Blast Of Silence" servierte das Quintett noch einmal die musikalische Ingredienzien, denen sich der Markenname LAKE immer verpflichtet fühlte: Souliger Leadgesang, variierende Laid-Back Gitarre, Folk-Rock geläuterter Satzgesang und eine leichtfüßig groovende Rhythmussektion.
Mit Between The Lines vom 76er Debüt beendeten die Mannen zunächst erst einmal, nach knapp 90 Minuten, ihren regulären Set. Die anwesenden Konzertbetrachter feierten natürlich enthusiastisch diese Leistung und wurden sogleich von den Musikern mit noch zwei Zugaben gewürdigt.

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Zur Einstimmung brachte der sonst eigentlich nicht so redselige Alex Conti mit seinem Vorwort zum Ausdruck, dass er jetzt einen Blues spielen würde, seinen Lieblingsblues, und er hatte vernommen, dass man im Osten den Blues lieben würde. "Der Blues ist die Musik der Unterdrückten!"
Nach so viel politischem Statement stimmte der Meister höchstpersönlich die exzellente Gregg Allman-Nummer It's Not My Cross To Bear an (Original entstand 1969) und verabreichte diesem exorbitanten Blues mit Feingefühl eine Frischzellenkur.
Mit der Reminiszenz an den Westcoast-Singer/Songwriter Don Henley und dem Song Dirty Laundry bekam dieses Konzert endgültig einen würdigen Abschluss.

Trotz der geringen Besucherzahl an diesem Abend, hatten Alex & Co. qualitativ alles aufgeboten, was im Ergebnis auf den zufriedenen Gesichtern beim Publikum und auch bei den Musikern abzulesen war.
Die sehr umsichtige und berufserfahrene Tontechnikerin Bärbel sorgte trotz nicht gerade traumhaften akustischen Verhältnissen für einen ausgewogenen Sound. Ich denke mal, ohne ihr Know-How wäre dieser Auftritt nur halb so gut gelungen.
Ich glaube und hoffe, dass wir Liebhaber der anspruchsvollen Rockmusik in Zukunft noch mehr von den neuen LAKE in dieser Besetzung zu erwarten haben, denn Qualität kennt kein Verfallsdatum.
Rock'n'Roll will never die!

Mein persönlicher Dank für den freundlichen Support geht an Bärbel Kühn von Life On Stage und an Reiner Kalisch & dem Museumskeller-Team.

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 19.05.2005

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