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Setlist
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| Erfurt, Museumskeller, 19.02.2005 |
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"Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen." philosophierte einst Kafka über die Nacht, und eben diese hatte reichlich musikbeflissene Gestalten in die wärmenden Mauern des Erfurter Museumskellers getrieben, um trotz eisiger Außentemperaturen Livemusik aus dem hohen Norden zu lauschen. Eine dänisch-schwedische Indieband, deren guter Ruf schon weit vorausgeeilt war, präsentierte sich leibhaftig und ohne doppelten Boden.
Die nach einem Gedicht des dänischen Poeten Martin A. Hansen benannten LAMPSHADE werden seit Wochen schon in einschlägigen Musikgazetten abgefeiert. In den Tiefen der schwedischen Wälder erblickte vor einem guten Jahr das Debütalbum "Because Trees Can Fly", noch im Eigenvertrieb, das Licht der Welt. Das für seine feinen Entdeckungen bekannte Indielabel Glitterhouse Records brachte die musikalische Perle nun im November 2004 europaweit zur Veröffentlichung.
Das beeindruckende Werk schwankt zwischen Melancholie und trotzigem Optimismus, aber immer im Einklang mit der bittersüßen, feenhaften Stimme ihrer Frontfrau Rebekkamaria. Mit ihrem Einstieg im Spätsommer 2001 in das bis dato schon ein Jahr existierende Bandgefüge bekamen die Gebilde aus Sounds und Dichtung erst die nötige Eigendynamik. Im März 2002 wurde die 3-Track-EP "Adorable Void?" (Eigenvertrieb) in Dänemark veröffentlicht, und zog Konzerte in Schweden, Deutschland, Niederlande und eine Performanc im dänischen Radio nach sich. Sängerin Rebekkamaria, Gitarrist Martin Vad Bennetzen, Bassist & Sänger Johannes Dybkjaer Andersson und Schlagzeuger Daniel Löfgren erarbeiteten sich schnell eine
gehörige skandinavische Fangemeinde.
Nach einer weiteren Single, "Eternal Light/Pieces Of The Puzzle", und einer mit "3 P" betitelten EP-Veröffentlichung sind LAMPSHADE nun endlich mit einem ausgereiften Longplayer und einem lukrativen [?] Labeldeal am Start um den alternativen Musikmarkt zu erobern.
"Weil Bäume fliegen können", so der Arbeitstitel der Scheibe, ". ist eine Metapher, es bedeutet: Durch göttliche Fügung das unmögliche möglich zu machen" sagt Bassist Johannes.
Der Pressetext vom Hauslabel sagt zu LAMPSHADE: "... sind majestätisch wie ein Herbststurm und dabei gleichzeitig sanft und warm wie Sommerregen."
Es fällt schwer, den musikalischen Stil des so vielseitig und innovativ arbeitenden Quintetts in eine Schublade zu packen. Die Musiker beziehen ihre Inspiration aus der Poesie, Natur, Kunst und lassen alles in das ungewöhnliche Songwriting mit einfließen. Noise Rock kollidiert mit Emo und träumerischem Postrock, immer homogen mit der fragilen Romantik des beeindruckenden Leadgesangs der feenhaft zerbrechlich wirkenden Rebekkamaria.
Die zierliche Sängerin wurde beeinflußt von Stina Nordenstam (schwedische Folk-Pop-Fee), LOW (US-Avantgarde-Band) und Damien Jurado, mußte sich von den Medien aber auch mit der jungen Björk vergleichen lassen. Ich selbst würde sie auch wegen ihrer latent stimmlichen Melancholie, die einen gewissen naiven Charme besitzt, mit der Leadsängerin der schwedischen Artrockband PAATOS, Petronella Nettermalm, in Verbindung bringen.
Jedenfalls war die junge Dame an diesem Abend mit ihrer märchenhaften Erscheinung und Artikulation ein wahrer Ohren- und Augenschmaus.
Nachdem der Support CAMPSITE - eine junge dänische Band aus dem selben kreativen Pool, die kurz vor der Vollendung ihres Debüts steht und sich im musikalischen Fahrwasser von BritPop und frühen CURE bewegt - ihren kurzen Auftritt beendet hatten, erstürmten LAMPSHADE die kleine Bühne.
Mit He's Right In My Mirage eröffneten sie gleich ihr musikalisches Reich mit sphärischen Soundwällen a la GODSPEED, YOU BLACK EMPEROR und Noise-Ausbrüchen a la MOGWAI.
Der Sound war, der örtlichen Gegebenheit angepaßt, recht gut, d.h. die zerbrechliche, umschmeichelnde Stimme von Rebekkamaria erklang sehr transparent und verursachte einen wohligen Schauer nach dem anderen. Die Beteiligten rockten mit voller Hingabe und Seele durch ihr Programm, das natürlich überwiegend aktuelles Albummaterial umfaßte.
Das gemischte Publikum im proppevollen Museumskeller war vom ersten Ton an recht angetan von der komprimierten Energie der Bandperformance und zeigte auch dementsprechend Begeisterung.
Mental fühlte man sich an einen ruhigen nordischen See versetzt, der doch kurze Zeit später anschwillt um sich wie ein Sturm in einen Wasserfall zu stürzen.
Überaus beachtlich kredenzten die Protagonisten geradezu brachial-dynamische Arrangements, unter Einbeziehung verschiedenster Instrumente, mit einer gehörigen Portion Dramatik. So kamen schmeichelnde Bläsersätze oder Streicheroffensiven auf der Gitarre, von Bandverstärkung Erik Nylen, als betonende Soundscapes recht eindrucksvoll zum tragen. Basser Johannes hatte seine Vorliebe für das Effektgerät für sich entdeckt und experimentierte damit an diesem Abend nach Herzenslaune, aber immer auf Linie mit dem verhaltenen, kompakten Schlagzeug.
Die charismatische Frontlady, die nebenbei auch diverse Tasteninstrumente, Melodica, Xylophon oder Tambourin bediente, zelebrierte ihre Lautmalerei überwiegend mit geschlossenen Augen, tief versunken in ihre eigene Traumwelt. Fast schon tranceartig, mit sanftem Flüstern bis zu wütenden Emotionsausbrüchen produzierte sie bedrückende Beklemmung und weltschmerzdurchtränkte Poesie.
Bei dem grandiosen Stück The Hug intonierte sie fast schon wie eine Operndiva - und konnte so mancher Oktavenakteurin dieses Faches das Wasser reichen.
Ansonsten schafften es LAMPSHADE, aus den Tracks immer neue Nuancen herauszufiltern und ihnen eo ipso mehr Tiefe und Fläche zu verpassen.
Neben dem aktuellen Songmaterial kamen überraschenderweise auch schon Appetizer auf den kommenden Longplayer zum Vortrag. Mit Fathers Lovesong, Come Closer und Give Her Peace bekam man Kompositionen von einer verstörenden Schönheit zu hören, so daß man potentiell annähernd erahnen kann, was da demnächst auf die Liebhaber dieser Musik zukommt.
Bei der ausufernden Zugabe Quiet Light, einem ebenfalls neuen Stück, tischten die Nordländer dem euphorischen Publikum noch einmal elegische Soundgebilde auf, nebst "Gesangssirene" Rebekkamaria, die instrumental und gesangstechnisch eine so mystisch-pathetische Suspence heraufbeschwor, daß es mir fast Hören und Sehen versagte.
"Der Sang der Sirenen durchdrang alles, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt. Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht." (Franz Kafka)
Nach diesen Eindrücken benötigte man noch einige Zeit, um den realen Boden unter den Füßen wieder zu verspüren, schaffte es aber trotzdem irgendwie mit emotionaler Stärke in die klirrende Winternacht zu verschwinden.
Ich glaube, Bäume können doch fliegen.
Rock'n Roll will never die!
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