|
Fotos: Adelina Schmidtlein
|
Der Klick auf ein Bildchen zeigt es in voller Größe in einem neuen Browserfenster.
|
W.I.N.D.
|
Jimi
|
Sandro
|
Lizard
|
Wolfgang - Lizard
|
Lizard & Fabio
|
|
| Marktredwitz, 18.06.2004 |
 |
Die Stadt Marktredwitz liegt in HochFranken (diese Schreibweise ist der Homepage der Stadt entnommen!) im Dreiländereck Bayern, Sachsen, Böhmen und die durchschnittliche Temperatur im Juni beträgt dort - ähnlich wie in Wladiwostok im Herbst - 12° Celsius. Tagsüber. Abends sind es gefühlte 2° und tatsächliche 6; gegen Eiseskälte hilft nur Alkohol.
In Wahrheit habe ich natürlich keine Ahnung vom Sommer und Herbst in Sibirien, auf jeden Fall war dieser Abend in Franken kalt und hätten wir die beiden Bands nicht gehabt: Der Erfrierungstod wäre sicher gewesen.
Das ist bedauerlich für die Veranstalter des kleinen Festivals, denn die geben sich wirklich alle Mühe. Essen, Bühne, Sound, alles vom Feinsten, richtig schnuckelig und die Preise mehr als human.
W.I.N.D. aus Udine hatten eine gewaltige Anreise hinter sich, doch 3 kleine Italiener lassen sich von geringfügigen Staus auf 300 Kilometern Länge nicht aus der Ruhe bringen, deswegen legen sie auf der Bühne auch los wie die Feuerwehr.
Ich habe seit Jahren gegen Bluesrock-Trios im Allgemeinen gewisse Vorbehalte. Zu oft tönt gleichförmiger 08/15-Blues daher, gespickt mit Coverversionen, die man schon so oft gehört hat, dass sie einem in schlimmen Träumen wieder begegnen und auf jeden Fall muss es vorruheständlerkompatibel sein, bloß nicht aus dem Rahmen fallen und den gesetzten Herrn aus dem nostalgieseligen Bierbauchschunkeln reißen. Natürlich, es gibt diverse Gegenentwürfe, die Steve Schuffert Band, Rob Tognoni, Todd Wolfe et cetera p.p., aber eine Vielzahl traditioneller Trios hat nicht den Mut eigenes Gesicht zu zeigen, fahren damit auch i.d.R. gar nicht schlecht, und langweilen mich. W.I.N.D. langweilen nicht!
Basser und Sänger Fabio klingt giftig. Richtig streitbar (was er natürlich off stage überhaupt nicht ist) und zur Begrüßung knallen sie einen Willie Dixon hin, dass es grad so scheppert. Ähnlich wie auf der aktuellen CD "Hypnotic Dream" ist der komplette Set eine Mischung aus Bluesrock, Southernrock und Jam, also lang fließenden und heftig rockenden Improvisationen und das macht den Unterschied zur handelsüblichen "My baby left me and I'm blind"-12-Takt-Kapelle. Das hat auch U.S.-Star Johnny Neel (der von GOV'T MULE und den ALLMAN BROTHERS) erkannt und die Jungs zum wiederholten Mal für seine Solo-Tourneen in den Staaten engagiert. In Marktredwitz ist Neel natürlich nicht dabei, aber das sollte möglicherweise noch dieses Jahr nachgeholt werden.
Ob sie nun eigene Songs rocken oder bekanntes Material adaptieren (nicht covern wohlgemerkt), es bringt noch den allerletzten Hoochie Coochie Man in Bewegung. Für mich haben sie eine ganz persönliche Nummer im Gepäck: Boogie Man!
Voodoo Chile, der Statesboro Blues, das furios dahinackernde Going Lazy und als Höhepunkt eine sensationelle Version von Whipping Post. Herhören jetzt! W.I.N.D. sind ein Trio und keine Big Band aus Georgia und Freund Robert H. hat sehr richtig bemerkt, dass sich ein Trio so etwas erst mal trauen muss. Wenn's denn auch noch so toll klappt wie hier... um so schöner. Dazu braucht es hervorragende Musiker und das sind Jimi Barbiani an der Gitarre, Drummer Sandro Bencich und oben besagter Fabio Drusin an der (Lead- und Rhythmus-) Bassgitarre.
W.I.N.D. machen vollendete Rockmusik, die leider grade nicht besonders angesagt ist, aber meilenweit über dem Einheitsbrei des Jahres 2004 steht. Sehr ärgerlich, dass ich letztes Jahr die Konzerte mit FLATMAN und REBEL STORM nicht sehen konnte.
Einerseits fällt es mir schwer, zum x-ten Male etwas über LIZARD zu sagen. Andererseits ist es die leichteste Übung überhaupt. Es gibt etwa 10 Bands in meinem trübseligen Schreiberlingsdasein, für die ich über Kohlen (nötigenfalls glühend) laufen würde, mich rückwärts und mit verbundenen Augen aus 5 Meter Höhe in die Arme von Dieter Bohlen fallen lassen würde oder gar eine Pizza mit Sardellen essen könnte. Wer zu diesen wenigen Auserwählten gehört, ist unschwer bei meinen Lieblingsbands, -platten und -konzerten nachlesbar. LIZARD sind seit ihrer "Live"-CD, spätestens aber seit "Southern Steel" in diesem Grundkurs in Sachen Rock & Roll vorne mit dabei. Mit "Lonely Are The Brave" haben sie diesen Sonderstatus nochmals manifestiert; meiner Meinung nach die beste Nicht-Southernrock-Southernrock-CD des neuen Jahrtausends und ich kann nur allen Rockfans dringend raten, diese Band noch in diesem Jahr an einem erreichbaren Ort live zu genießen.
Money World, Tell Me und Riding On A Train gleich in der ersten Viertelstunde sind sozusagen schon alles, was sich der Bewunderer von Double-Leads nur vorstellen kann. Man möge mir glauben, es gibt derzeit kein anderes Gitarren-Doppel mit solchen Fähigkeiten (außer Moody & Marsden, aber die sind inzwischen wieder tief in ihrem "ich plagiere mich selbst"-Wahn verfangen). Dazu kommt, dass Lizard EIGENE Songs schreiben und sich nicht hemmungslos irgendwo an der Historie vergreifen. Perlen wie No Tomorrow oder Run Away müssen andere erst mal zustande bringen und dann können sie sich immer noch hinten anstellen. Weil die Umsetzung auf der Bühne wiederum ein ganz anderes Kapitel ist. LIZARD sind eine Band und kein Kegelverein, es stimmt jede Note, jeder Einsatz, jede Harmonie und selbst mit Aushilfsschlagzeuger Wolfgang gibt es keinen einzigen Rhythmuscrash. Hervorragender Mann!
Natürlich sind die üblichen Groovemonster Don't You Know, Boys Are On The Road und Running With The Horses wieder im Set, es gibt insgesamt für den "geübten" Konzertbesucher keine großen Überraschungen, aber 2 volle Stunden klassischen Rock einer Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was noch kommen könnte. Aber das habe ich nach "Southern Steel" auch schon gesagt. Vielleicht baut Keyboarder Klaus Brosowski "endlich" noch die Mondscheinsonate vom alten Ludwig van ein und verzichtet auf diese wunderbaren Orgelsounds und Boogie-Kaskaden, vielleicht holt Georg Bayer strippende Tanzmäuse auf die Bühne, vielleicht übernimmt künftig eine achtarmige Krake die Gitarren. Vielleicht wird Deutschland 2006 Fußballweltmeister.
Wie könnte man ein Konzert besser beschließen als mit Lonesome Guitar, diesem Wunderwerk von Bruce Brookshire, das aber von DOC HOLLIDAY nie so wunderschön dargebracht wurde. Am besten mit einem Satz Zugaben, wobei natürlich mein Megafavorit Bring Me Some Water die Josephine und alles andere um Längen schlug. Ich denke, dies war die beste Version all meiner Lizard-Konzerte, sie war nicht abrupt unterbrochen vom Ende (hüstel), sondern bis zum gloriosen letztmöglichen Ton ausgespielt, vollgepackt mit Boogie, Soli und diesem ganz speziellen positiven Lizard-Stagecacting, das genau wie die Musik weit abseits von allen Klischees und trotzdem vertraut ist.
Als Berichterstatter kann man sich nur bedanken und auf den nächsten Tag beim 2. Meeting der deutschen Southern Rock Mailingliste im Spreewald freuen. Als Nichtdabeigewesener kann man die Berichte zum Meeting und dem Konzert lesen. Pech gehabt, Ihr hattet Eure Chance.
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|